Der Talent, die Talentin

24. Oktober 2004, 00:41
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Die Chance auf Gleichberechtigung in einer stark durch maskuline Eitelkeiten geprägten Designszene ...

Die Chance auf Gleichberechtigung in einer stark durch maskuline Eitelkeiten geprägten Designszene betrachtet Hansjerg Maier-Aichen, Professor für Produktdesign


Wenn wir in der Geschichte des Designs im frühen 20. Jahrhundert nach Frauen suchen, so werden wir kaum fündig, geschweige denn sie in dominanten Positionen finden. Die in der Öffentlichkeit wahrgenommenen und honorierten gestalterischen Leistungen in der Kunst im weitesten Sinnen waren ein klares Privileg der Männer, was nicht bedeutet, dass Frauen auf diesem Gebiet nichts hervorgebracht haben, wie Beispiele aus der Literatur und der bildenden Kunst zeigen.

Allein, solche Leistungen blieben im Dunkeln oder wurden stillschweigend übergangen oder gar von Männern unter ihrem Namen übernommen. Selbst progressive Institutionen wie der Werkbund oder das weltbekannte Bauhaus schützten sich weit gehend vor der "Konkurrenz der Frauen". So gab es bis zum gewaltsamen Ende des Bauhauses 1936 keine einzige Frau im internationalen Lehrkörper dieses Instituts. Neben dem Architekten Walter Gropius, den Künstlern Paul Klee, Johannes Itten, Paul Schlemmer, Wassily Kandinsky oder László Moholy-Nagy konnte sich offensichtlich keine Frau im Umfeld dieser "Kulturgrößen" künstlerisch etablieren, eine beschämende Tatsache, auch für die damalige Zeit.

Im Gegensatz zu Beispielen in der Literatur und auf der Bühne finden wir in der bildenden Kunst, dem Design und der Musik kaum Frauenfiguren, die das zeitgemäße Schaffen in diesen Bereichen wesentlich mitbestimmten. In diesem Kontext darüber weiter nachzuforschen erlaubt der vorgegebene Umfang dieser Betrachtung leider nicht. Einige wenige Beispiele seien hier mit Rücksicht auf die Historie erwähnt.

So erarbeitete sich Marianne Brandt als Meisterschülerin am Bauhaus zumindest in der Metallwerkstatt durch ihre eigenständigen Metallentwürfe Respekt mit Objekten, die heute noch große Wertschätzung genießen und beispielhaft für zeitloses Design von Tischgeräten sind. Auch die in Irland geborene Eileen Gray, lange Jahre nahezu vergessen und erst 1968 wiederentdeckt, hat als Frau maßgeblichen Anteil an der Entwicklung neuer Möbelentwürfe und Technologien in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg. In den USA arbeitete das Ehepaar Charles und Ray Eames in den 30er- und 40er-Jahren an revolutionären Möbelentwürfen, wobei auch hier Charles Eames lange Zeit als der Protagonist dieser Arbeiten gegolten hat.

Die große alte Dame

Es war also schlichtweg üblich, den Frauen einen gewissen Anteil an Kreativität und gestalterischem Freiraum zuzugestehen, dennoch standen sie meist im Schatten ihrer Männer. Die große alte Dame des neueren Designs, Andrée Putman, trat dann in den 60er- und 70er-Jahren als eine der ersten eigenständigen Designerinnen der "zweiten Moderne" auf, umgeben von einer Phalanx maskuliner, egomanischer und dominanter Artgenossen, gegen die sie sich jedoch gut behaupten konnte.

1975 spricht Alice Schwarzer dann vom "patriarchalischen Prinzip" und durch die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte wurde klar, dass die Frauen ihre Sache selbst in die Hand nehmen mussten. Aktuelle Beispiele wie das "Designerinnen - Forum" in Hamburg demonstrieren erste Versuche, die Qualitäten von Frauendesign in das Bewusstsein von Industrie und Wirtschaft zu tragen. Der Gedanke, damit eine Art von "Quotenregelung" anzuvisieren, ist nicht ganz aus dem Blickfeld, hat aber mit Sicherheit sekundäre Bedeutung und kann solchen Organisationen kaum zum Vorwurf gemacht werden.

Grundsätzlich war klar, dass Frauen, um zu ähnlicher Anerkennung zu kommen, eine Menge mehr leisten mussten. Willensstärke, Disziplin und ein hohes Einfühlungsvermögen in die jeweilige Materie waren meist die Voraussetzungen für den Erfolg in einer lange gewachsenen, traditionellen Männerdomäne. Die produzierende Industrie mit einer eher konservativen und häufig verkrusteten Managermentalität hat diese Tradition in den vergangenen Jahrzehnten eher noch gefördert, sie stand dem Design von Frauen meist sehr skeptisch gegenüber.

Längst haben wir inzwischen eine zumindest quantitative Balance von jungen Designstudenten und Designstudentinnen an unseren Hochschulen, ausgesprochen talentierte Frauen dazu; und so langsam beobachten wir einen Wandel im Selbstverständnis kreativer Leistungen von Designerinnen. Sicherlich haben die differenzierten, stark von Frauen besetzten "talent shows" der vergangenen Jahre auf internationalen Messen wie Frankfurt oder Paris dazu beigetragen, dass sich das Qualitätsbild von Designerinnen deutlicher eingeprägt hat. Protagonistinnen wie Matali Crasset, Masayo Ave, Tomoko Azumi, Hella Jongerius oder Patricia Urquiola zeigen mit ihren Arbeiten eine absolute Gleichberechtigung in einem aktuellen Markt maskuliner Eitelkeiten. Bei Matali Crasset erkennen wir in ihren Projekten der vergangenen Jahre eine ausgeprägte grafische Sensibilität und eine ganz spezifische Qualität von Farben und Oberflächen. Mit ihrem Hotelinterieur in Nizza oder dem soeben fertig gestellten Taubenhaus proklamiert sie einen Stil zwischen äußerst reduzierter Funktionalität und einer poetischen Sprache über digitale Bilder in expressiven Farben, die sich wie räumliche Stillleben durch die Projekte ziehen. Ihre Arbeiten zeigen also weit mehr als pures Produktdesign, vielmehr verhelfen sie dem Benutzer zu einer neuen Perspektive von architektonischen Wohnbildern.

Hella Jongerius hat sich seit Beginn ihrer Karriere mit den unterschiedlichsten Materialien und ihren möglichen Veränderungen und Kombinationen beschäftigt. Auch hier begegnen wir einer sehr poetischen Auffassung und Interpretation von Alltagsprodukten, die Hella Jongerius durch unübersehbare Eingriffe und "Verletzungen" quasi künstlerisch ergänzt bzw. überhöht. Die extreme Polarisierung von zwei beinahe widersprüchlichen Materialien bei den "long neck+groove vases", Vasenteile aus Porzellan, die sie mit Standardwasserflaschen aus transparentem Glas kombiniert, besser gesagt verklebt, zeigen ihren ungebrochenen Willen, Gestaltung immer als einen "Prozess bis an die Grenzen" zu verstehen und gleichzeitig dem reinen Funktionalismus eine Absage zu erteilen. Hella Jongerius und Patricia Urquiola wurden vor wenigen Wochen für die "inhouse"-Präsentation zur Internationalen Kölner Möbelmesse 2005 gekürt; eine relativ überraschende, doch intelligente Wahl durch das Organ der Bundesrepublik Deutschland, dem "Rat für Formgebung", der allerdings bis heute immer noch mit einem rein männlichen Präsidium operiert.

Gibt es ein typisches Frauendesign? Diese Frage möchte ich aus meinem Verständnis mit einem klaren Nein beantworten. Allerdings beobachten wir spezifische Reflexionen, Wahrnehmungen und Sensibilitäten, die von Frauen anders als von Männern genutzt und verarbeitet werden und die sich in ihren Arbeiten niederschlagen. Insofern kommt hier ein zusätzliches Spektrum hinzu, das Designqualität über die Partizipation von Frauen grundsätzlich bereichert. Das hat auch damit zu tun, dass das traditionelle, also eher auf ergonomisches, methodisches und auf "engineering" ausgerichtete, Industriedesign durch ein sehr viel weiter gefasstes, projektorientiertes und konzeptuelles Produkt- und Kommunikationsdesign mit interdisziplinärer Ausrichtung ergänzt wird.

Neugierde, die Fähigkeit zu sorgfältiger Analyse...

Der klassische Designerspezialist, die eher männliche Perspektive, hat einen gestaltalterischen Widerpart bekommen, mit den komplexen soziokulturellen, umweltorientierten und Nachhaltigkeitsverknüpfungen von Produktanforderungen. Diese Komponenten erweitern das Spielfeld der Gestaltung, Designerinnen können hier ihre "typisch weiblichen" Voraussetzungen in konkrete Fähigkeiten einbringen. Neugierde, die Fähigkeit zu sorgfältiger Analyse, ein komplexes soziales Bewusstsein beim Produzieren von Gedanken für das tägliche Leben - seien es am Ende eines Prozesses Ideenkonzepte oder ganz reale Produkte - lassen Qualitäten und Eigenarten entdecken, die in der Regel eher Frauen zugeordnet werden.

Hansjerg Maier-Aichen ist Professor für Produktdesign an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Er studierte Innenarchitektur, Produktgestaltung und Malerei in den 60er-Jahren und wurde mit zahlreichen Kunst- und Designpreisen ausgezeichnet. Es folgten internationale Lehraufträge und die Gründung der Designmarke "Authentics". Seine Arbeiten sind in Designsammlungen verschiedenster Museen in aller Welt ausgestellt. (DERSTANDARD/rondo/15/10/04)

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