Die Wiederkehr des Raumes

14. Oktober 2004, 22:15
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Minze Tummescheit durchmisst bis Penza südlich von Moskau persönlich und dokumentarisch den "Jarmark Europa"

"Ich habe kein Stativ mitgebracht. Deswegen gibt es keine Totalen, keinen Überblick", sagt Minze Tummescheit an einer Stelle ihres Dokumentarfilms Jarmark Europa. Sie ist mit der Bahn weit nach Osten gereist, in die russische Stadt Penza südlich von Moskau. Hier schneidet sie mit Kaleria Michajlowna das Gemüse für ein Leibgericht der Unterklasse. Die russische Rentnerin hat mit ihrer Mindestpension nicht genug zum Leben.

Was tut man also? "Man treibt Handel." Um ihr Einkommen aufzubessern, nimmt sie regelmäßig den Zug nach Warschau, um im riesigen Stadion Dziesieciolecia das anzubieten, was sie gerade hat: gemischte Kleinwaren. Vom Jarmark Europa gibt es dann auch eine (beeindruckende) Totale, mit der Minze Tummescheit ihren Film beginnt. Sie passt ihre Strategie den Gegebenheiten an. Die gebürtige Peruanerin, die in Berlin lebt, arbeitet mit kleinstmöglichem Team: Nur ein Tonmann begleitet sie, wenn sie die Lebensgeschichten, deren Fäden im Stadion zusammenlaufen, an ihre Ursprungsorte zurückverfolgt.

Neben Kaleria Michajlowna gibt es noch eine zweite Hauptfigur: Swetlana Anatoljewna stammt aus Brest und hat auf dem Jarmark Europa anfangs die gleichen alltäglichen Waren angeboten, mit denen sie kaum auf sich aufmerksam machen konnte. Eines Abends verkaufte sie jedoch das Buch, das sie untertags gelesen hatte, um sich die Zeit zu vertreiben. Daraus entstand ein florierender Betrieb, eine Art Tolstoi & Company, in dem alles zu bekommen ist, von Viktor Pelewin bis zu einer Nietzsche-Übersetzung.

Minze Tummescheit ist in ihrem Film von Beginn an auch selbst präsent. Vor allem spricht sie zu ihren Bildern, sie reflektiert ihre Position mit, wenn sie im Zug unvermittelt als "Faschistin" bezeichnet wird (Weil sie aus Deutschland kommt? Sieht man ihr das an?). Dann schweigt sie wieder, wenn sie kleine Montagesequenzen zu Musik gestaltet, oder einfach die Kamera aus dem fahrenden Zug hält. Jarmark Europa ist ein sehr persönlicher Film, und bei aller historischen Tiefenschärfe vor allem ein faszinierendes Dokument für das, was Karl Schlögel die "Wiederkehr des Raums" genannt hat.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2004)

Von
Bert Rebhandl

Stadtkino

16.10., 20:30 (OmdU)

17.10., 10:30 (OmeU)
  • Gemischte Kleinwaren, feil geboten am Warschauer "Jarmark Europa"
    foto: viennale

    Gemischte Kleinwaren, feil geboten am Warschauer "Jarmark Europa"

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