Wirtschaftshilfe: Lungenkrebs

18. Oktober 2004, 18:35
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In Ross McElwees "Bright Leaves" geht es um Familienmythen, Rauchwaren und ums Kino

Die Arbeiten des US-Dokumentaristen Ross McElwee (Sherman's March, Time Indefinite) nehmen stets bei der Person des Filmemachers und dessen erweiterter Familie ihren Ausgang, um sich dann jeweils in überraschende Richtungen, zu komplexen Themen und umfassenderen sozialen Zusammenhängen vor zu bewegen.

In Bright Leaves beginnt alles mit dem Besuch bei einem entfernten Cousin. Dieser, ein Sammler von Filmmemorabilia, zeigt McElwee, dem Filmemacher, einen vergessenen Hollywoodklassiker: Bright Leaf (1950) von Michael Curtiz erzählt von Aufstieg und Fall eines historischen Tabakbarons – im Film von Gary Cooper verkörpert, im wahren Leben möglicherweise ein Vorfahre des Regisseurs.

Damit ist jener Themenkomplex etabliert, dem sich der weitere Film widmen wird: den Verquickungen von Familiengeschichte und Tabakindustrie, zu denen sich als drittes Element die Mythenfabrik Kino gesellt. In gewohnt (selbst-)ironischer, assoziativer Vorgangsweise versucht McElwee zunächst dem Wahrheitsgehalt des Curtiz-Films in Bezug auf die McElwee-Familie auf die Spur zu kommen. Ein direkter Zusammenhang lässt sich nicht verifizieren. Während eine renommierte Universität den Namen der ehemaligen Konkurrenten führt, erweist sich der "McElwee-Park" als eher traurige Grünanlage.

McElwee sinniert stattdessen lieber über seltsame Wechselwirkungen: Die Linie in seinem Stammbaum führt von (gescheiterten) Tabakpflanzern zu einer ganzen Reihe von Ärzten, die Lungenkrebspatienten behandeln – und den Filmemacher in ein Lungensanatorium. Die Frage nach den gesundheitsschädigenden Auswirkungen der Tabakwaren bringt ihn zu einem befreundeten jungen Raucherpärchen und dessen wiederholten vergeblichen Versuchen, das gefährliche Laster aufzugeben.

"Ich kann genau so gut an etwas sterben, das der Wirtschaft hilft", heißt es an anderer Stelle sarkastisch – und Bright Leaves erzählt nebenbei auch von Geschichte und Gegenwart des Tabakanbaus, in der sich wiederum Geschichte und ökonomische Realität der USA gespiegelt finden und die industriell gefertigte Zigarette als das "ultimative Konsumprodukt" erscheint.

Schließlich lässt jedoch auch der alte Film den Regisseur nicht los, und das führt ihn auf eine weitere, neue Fährte: Neben seiner Familiengeschichte ("My familiy has a movie!"), glaubt er, noch ein anderes "heimliches home movie" in Bright Leaf zu erkennen – die heimliche Liebe von Hauptdarsteller Gary Cooper und seiner Filmpartnerin Patricia Neal, eingeschrieben in kleine Gesten, verstohlene Blicke und verkleidet als Fiktion. Auch davon handelt Bright Leaves: Vom Kino als Surrogat fürs Leben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.10.2004)

Von
Isabella Reicher

16.10., 23:30
Metro

19.10., 13:30
Urania
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    foto: viennale
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