Kameraauge bannt Tigerauge

15. Oktober 2004, 17:00
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Der thailändische Film "Tropical Malady" von Apichatpong Weerasethakul beschwört die Geister des Dschungels

Der thailändische Filmemacher Apichatpong Weerasethakul gehört zu den gegenwärtigen Ausnahmefiguren im Weltkino: Sein neuer Film "Sud Pralad / Tropical Malady" beschwört die Geister des Dschungels.


Von Zeit zu Zeit taucht im Weltkino ein originäres Talent auf, das sich den herkömmlichen Kategorien entzieht: Apichatpong Weerasethakul aus Thailand ist dafür ein gutes Beispiel. In seinem zweiten Film Blissfully Yours, der letztes Jahr auf der Viennale lief, gab es eine dieser Sequenzen, in denen sich eine fremde Welt auftut und zugleich verschließt: Ein Mann und eine Frau gehen durch den Wald. Min hat eine Hautkrankheit, er erträgt kaum noch seine Kleider, die er Schritt für Schritt ablegt. Roong will ihn beschützen, trösten, sie begehrt ihn in seinen Shorts, sie will seine Ekstase sehen und nicht seinen Schmerz.

Apichatpong Weerasethakul zeigt Menschen, als wären sie Natur, hat der Filmkritiker Ekkehard Knörer geschrieben. Umgekehrt wird der Dschungel in diesen Filmen aber auch anthropomorph, er gebiert die Geister, die das Unbewusste nicht mehr halten kann. Das ist die Geschichte von Sud Pralad / Tropical Malady, der in diesem Jahr in Cannes präsentiert wurde.

Die beiden jungen Männer Keng und Tong heben in ihrer Beziehung die vielen Widersprüche auf, die in Thailand herrschen: Stadt und Land, Natur und Kultur, Sexualität und Zwang. Doch dann verschwindet Tong, und an seine Stelle tritt ein Mechanismus der Projektionen: Er wird für Vorgänge verantwortlich gemacht, für die er selbst Tiergestalt bräuchte – eine reale Möglichkeit in einer bestimmten Mythologie, auf die sich Apichatpong Weerasethakul hier bezieht.

Das Tierwerden der Menschen ist den Anwohnern des Dschungels nicht rätselhaft. Der forschende Blick in den Wald, in die Nacht ist denn auch so etwas wie die ästhetische Signatur dieses Werks, das nicht zufällig aus der Videokunst hervorgeht: Haunted Houses hieß eine frühe Arbeit von Weerasethakul. Die Kamera ist ein Auge, es gibt wunderbare Subjektiven, aber das Ohr ist ein ebenbürtiges Sinnesorgan. Das Bild entsteht bei ihm häufig aus dem Ton, auch in Sud Pralad muss man sich akustisch orientieren.

Geschärfter Blick

Sud Pralad hat, wie auch schon Mysterious Object at Noon (2000) und Blissfully Yours (2002) eine mythologische und eine formale Ebene – sie werden auf eine Weise miteinander vermittelt, die nicht auf eine Lösung hinausläuft, sondern auf den Spannungszustand einer geschärften Wahrnehmung.

Man kann Apichatpong Weerasethakul gern als einen tropischen Jacques Tourneur sehen, er selbst sieht sich aber beeinflusst von Andy Warhol und Bruce Baillie – vor allem die letzte Referenz macht viel Sinn.

Wer das jüngere thailändische Kino mit seinem frenetischen Willen zu einer globalisierten Filmsprache ein wenig kennt, der kann einschätzen, wie eigenständig das ist, was Apichatpong Weerasethakul tut: Er wagt sich auf ein Terrain, auf dem das Auge der Kamera vor dem Auge des Tigers nicht zurückweicht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.10.2004)

Von
Bert Rebhandl

17.10., 23:30
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19.10., 21:00
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  • Artikelbild
    foto: viennale
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