Das Potenzial der Wirklichkeit

24. Oktober 2004, 20:54
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"Die Welt macht Film": eine Werkschau des 1963 verstorbenen Regisseurs Paul Fejos im Filmarchiv Austria

Das Filmarchiv Austria präsentiert unter dem Motto "Die Welt macht Film" das Werk des 1963 verstorbenen Regisseurs Paul Fejos und öffnet damit einen filmhistorischen Fluchtpunkt im Angebot an zeitgenössischem Weltkino.


Die Welt macht Film: Wochenschauen künden von gesellschaftlichen Ereignissen und gefährlichen Zwischenfällen, von Arbeitslosigkeit weltweit – und damit sind wir bereits in Wien, anno 1933, bei einer Schlange Wartender, denen schließlich beschieden wird, dass ihre Arbeitssuche für heute erfolglos bleiben wird.

Einer fasst daraufhin einen Entschluss: Er schreibt ein paar Zeilen, will sein Leben beenden, da springt eine junge Frau vor ihm ins kalte Wasser und der Mann hinterher. Die fünfzig Schilling, die ihm die Gemeinde danach für die Rettung ausbezahlt, werden zum Startkapital umgewertet. Der Mann (Gustav Fröhlich) und die Frau (Annabella) bleiben zusammen, schlagen sich als Kleinstunternehmer und Tagelöhner durch. Bis ihnen schließlich, in neuerlicher Not, der Zusammenhalt ihrer neuen Nachbarn im Friedrich-Engels-Hof endgültig die Basis gibt für einen hoffnungsvollen Start in die Zukunft.

Sonnenstrahl heißt der Film von Paul Fejos, der diese Geschichte erzählt. Eine lichte Sozialutopie, ein Märchen von der Solidarität in den modernen Städten, das gleichwohl ein sehr präzises Bild von Lebensumständen gibt: Sechzig Groschen kostet ein Kamm, 1,20 Schilling ein großes Stück Seife, für zehn Schilling pro Woche ist ein möbliertes Zimmer zu mieten, mit siebenhundert Schilling ist der Kaufpreis für ein eigenes Taxi anbezahlt.

Sehnsuchtsräume

Abgesehen davon haben die Konsumgüter jedoch auch einen imaginären Mehrwert, den sich Hans und Anna in kleinen, tänzerischen Momenten spielerisch anverwandeln: Im Reisebüro mimen sie Touristen in Paris, Venedig oder Davos, im Kaufhaus verlieren sie sich träumend in einer Stranddekoration – die Kündigung als Reinigungskräfte folgt auf dem Fuß.

Fejos hält beständig die Balance zwischen der Realität und den Sehnsüchten und Potenzialen, die sie in sich birgt. Schon in Lonesome (1928) ist ebenso viel Raum für die Beschreibung eines Arbeitsalltags wie für Bilder von dessen lustvoller Überschreitung: Der Arbeiter und die Telefonistin, die einander im Rummel von Coney Island begegnen und Gefallen aneinander finden, werden lange Zeit unabhängig voneinander und als Unabhängige in Szene gesetzt. Das Gewitter, das gegen Ende den ganzen Vergnügungspark erfasst, die beiden frisch Verliebten gleich wieder trennt, wird in einem späteren Film des Regisseurs dann ganz deutlich als mythische Gewalt ausgewiesen:

In Tavaszi zápor (Marie, légende hongroise, 1932) spielt die französische Schauspielerin Annabella, die Anna aus Sonnenstrahl, eine Magd, die in einer lauen Nacht den Verführungen eines jungen Bauern erliegt. Als ihre Schwangerschaft ruchbar wird, verstößt sie die Dorfgemeinschaft. Alleine irrt sie über Land, in einem Bordell findet sie vorübergehend Aufnahme als Dienstmädchen, aber die staatlichen Autoritäten entfernen ihr Kind aus dieser unstatthaften Umgebung. Ein letzter Halt gibt nach, und Marie zieht weiter, bis ihr Körper nicht mehr kann.

Es folgt ein überraschender Epilog: Marie, die auch im Glitterhimmel noch den Boden schrubbt, sieht, wie unten auf der Erde einer weiteren Magd ihr Schicksal droht. Der Eimer fällt und auf die Erde ergießt sich ein Schwall, der die unheilvolle Liebesnacht vorzeitig beendet.

Auch hier, basierend auf einer ungarischen Sage, setzt Fejos also soziale Härten souverän in einen märchenhaften Rahmen. Sonnenstrahl, Lonesome und Tavaszi zápor – drei Streiflichter auf ein neu zu entdeckendes Werk. Der Regisseur, Paul Fejos, 1897 in Budapest geboren und 1963 in New York gestorben, gehört zu den ein wenig in Vergessenheit geratenen Filmemachern der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts.

Schon seine Lebensdaten verweisen auf eine weit greifende räumliche Bewegung, die sich allerdings keineswegs linear und nicht immer ganz freiwillig vollzog: Nachdem er auf Wunsch seiner Familie ein Medizinstudium abgeschlossen hatte, begann er Anfang der 20er-Jahre zunächst in seiner Heimatstadt Filme zu drehen. Über Wien und Berlin gelangte er in die USA, wo nach einigen anderen Tätigkeiten mit The Last Moment 1926 sein erster unabhängig produzierter Film entsteht. Hollywoodproduzent Carl Laemmle Jr. wird auf das neue Talent aufmerksam.

Arbeitsstationen

Einige Filme – darunter Lonesome – und ein paar Jahre später ist Fejos, den die Bedingungen in Hollywood zusehends einengten, bereits wieder in Europa und arbeitet in Frankreich, Ungarn (u.a. Tavaszi zápor), Österreich (Sonnenstrahl) und Dänemark. Von dort aus nimmt seine Arbeit nochmals eine entscheidende Wendung: Fejos beginnt, anthropologische Filme zu drehen und gründet 1941, wieder in den USA, eine anthropologische Forschungseinrichtung, lässt das Filmgeschäft endgültig hinter sich.

Das Filmarchiv Austria macht im Rahmen der Viennale Fejos' filmische Arbeiten nun nun wieder zugänglich. Die Filmwissenschafterin Elisabeth Büttner hat begleitend dazu eine Anthologie herausgegeben, die Person und Werk von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Die Welt macht Film heißen Schau und Buch. Paul Fejos hat der Welt seine Filme hinterlassen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2004)

Von
Isabella Reicher

Eröffnung und Buchpräsentation "Die Welt macht Film"
16.10., 21:00
Metro
(Eintritt frei)

Link

filmarchiv.at
  • Menschen am Samstag - zwei von vielen begegnen und verlieren einander im Trubel von Coney Island: "Lonesome" von Paul Fejos aus dem Jahr 1928Metro16.10., 21:0020.10, 16:00
    foto: filmarchiv austria

    Menschen am Samstag - zwei von vielen begegnen und verlieren einander im Trubel von Coney Island: "Lonesome" von Paul Fejos aus dem Jahr 1928

    Metro
    16.10., 21:00
    20.10, 16:00

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