Geborgen im lachenden Gesicht eines Gärtners

13. Oktober 2004, 19:09
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SOS-Kinder aus vier Ländern haben Orte fotografiert, an denen sie sich wohl fühlen - Ein ungewöhnliches Forschungsprojekt

Geborgen im lachenden Gesicht eines Gärtners SOS-Kinder aus vier Ländern haben Orte fotografiert, an denen sie sich wohl fühlen. Orte jenseits der Gewalt ihres bisherigen Lebens. Ein ungewöhnliches Forschungsprojekt.

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"Ich habe diese Bohnenstaude selbst gepflanzt", begründet die neunjährige Ines, die in einem kolumbianischen SOS-Kinderdorf lebt, wieso sie ausgerechnet dieses Motiv fotografiert hat. Entstanden ist das Foto im Rahmen eines Forschungsprojekts der Hermann-Gmeiner-Akademie der SOS-Kinderdörfer.

Kinder wurden dazu animiert, Orte, an denen sie sich geborgen fühlen, und Räume, die sie als gewaltfrei erleben, digital abzubilden, erklärt die Erziehungswissenschafterin Barbara Schratz-Hadwich. Als Projektleiterin von "Seeing beyond Violence" (etwa: "Über die Gewalt hinausblicken") hat sie gemeinsam mit drei Sozialwissenschaftern (Peter Egg, Gerhild Trübswasser und Rob Walker) ein partizipatives Konzept entwickelt, das Kinder als Forscher ernst nimmt und zugleich in der Auswertung Rückschlüsse auf pädagogische Konzepte in den Kinderdörfern (und darüber hinaus) ermöglicht.

71 Kinder im Alter zwischen neun und 13 Jahren aus SOS-Dörfern in Nicaragua, Kolumbien, Thailand und Indien waren in der ersten Projektphase beteiligt. Entstanden sind mehr als 3000 Fotos.

Eigenständige Welten

Bemerkenswert ist für Schratz-Hadwich, dass sich auf den Fotos kaum Erwachsene finden. Kinderdorfmütter gerade einmal in der Rolle als Zubereiterinnen von Essen, kein einziger Dorfleiter und ein Dorfgärtner auch nur deswegen, weil er so schön lacht. Am häufigsten haben sich die Kinder in ihren Beziehungen zueinander abgebildet, dazu Fotos von Bäumen, stillen Flussläufen, Szenen aus einem Vergnügungspark. Gleich mehrere Kinder haben ein und denselben Fliegenpilz fotografiert, andere einen streunenden Hund mit der Begründung, er sei unabhängig und könne überall hin. Schratz-Hadwich erinnert daran, dass die Mehrzahl der Kinder über vielgestaltige Gewalterfahrung verfüge, umso wichtiger sei es genau hinzusehen, in welchen Zusammenhängen sie Vertrauen aufbauen.

Innerhalb der SOS-Organisation laute eine Reaktion auf die Projektfotos: "Wir verwalten zu viel und geben den Kindern zu wenig Freiraum." Andere würden dazu raten, in die Fotos nicht zu viel hineinzuinterpretieren, sondern sie jenseits von Sprachbarrieren als oft sehr emotionale Botschaften wirken zu lassen.

Wichtig ist Schratz-Hadwich auch, dass mit den Kindern ausgiebig über ihre Arbeitsergebnisse diskutiert und sie nicht einfach ihrer Erfahrungen "beraubt" wurden. Hervorgehoben wird von ihr auch, dass einschlägige Forschung meist bei den Defiziten ansetze, was konkret hieße, Gewalterfahrungen zu aktualisieren. "Seeing beyond Violence" hingegen helfe zu zeigen, "was Gewaltfreiheit ist". (Hannes Schlosser/DER STANDARD; Printausgabe, 13.10.2004)

  • Die Kinder fotografierten ihre eigenen Welten - am häufigsten ihre Beziehungen untereinander und die Sehnsüchte nach einem selbständigen Leben.
    foto: sos kinderdorf

    Die Kinder fotografierten ihre eigenen Welten - am häufigsten ihre Beziehungen untereinander und die Sehnsüchte nach einem selbständigen Leben.

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