Wie Schopp lernte, das Ausland zu lieben

13. Oktober 2004, 21:08
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Die Spieler wissen, dass nur ein Sieg die kleine Chance auf die WM-Qualifikation wahrt - Markus Schopp macht sich darüber hinaus Gedanken.

Belfast - Es wird spannend bis zum Gehtnichtmehr. Erst heute, unmittelbar vor dem Spiel in Nordirland, wo Österreich noch nie gewonnen hat, wird Hans Krankl die Aufstellung bekannt geben, und Krankl selbst ist darauf angewiesen, was ihm die Mediziner zuflüstern. Teamkapitän Andreas Ivanschitz ist ebenso angeschlagen wie Rene Aufhauser. Beide flogen gestern mit nach Belfast, doch sollten auch sie - nach Ehmann, Haas und Standfest - das Handtuch werfen, so bleiben Krankl nur 18 von ursprünglich 23 Mann. Kein Problem, sagt der Teamchef. "Elf beginnen, maximal drei darf ich austauschen."

Einer der elf wird Markus Schopp sein. Der Steirer, der gegen Polen (1:3) das Tor schoss und Akzente setzte, sieht sich im Team mit der ungewohnten Situation konfrontiert, dass er fix mit einem Leiberl rechnen kann. Bei Brescia in der Serie A spielt Schopp ab und zu und jedenfalls so gut wie nie neunzig Minuten durch. "Krankl gibt mir das Gefühl", sagt er, "dass er auf mich setzt. Das tut mir gut. Und mit 30 erwarte ich selbst von mir, dass ich einen gewissen Standard habe, den ich jederzeit abrufen kann."

Bei Sturm Graz ist Schopp groß geworden, eineinhalb Jahre dazwischen beim HSV waren ein Missverständnis, mit 27 wechselte er nach Italien, "fast zu spät", wie er meint. Jetzt ist er stolz darauf, sich so lange gehalten zu haben. Mit Saisonende läuft sein Vertrag aus, Brescia schuldet ihm eine Menge Geld. Schopp wartet ab, das hat er gelernt, neben vielem anderen. "Ich kenne jetzt eine neue Sprache, eine andere Mentalität. Und ich weiß, dass es in diesem Geschäft keine Dankbarkeit gibt. Du bist deine eigene kleine Firma, du darfst nur auf dich schauen. Du musst in vielen Dingen absoluter Egoist sein. Das sind Dinge, die erfährt man in Österreich nicht so."

Nur ein Trio

Womit wir schon wieder bei der Nationalmannschaft wären. Mit Schopp, Martin Stranzl (Stuttgart) und Torhüter Alexander Manninger (Siena) spielt ein Trio im Ausland, es gibt in Europa kaum ein Team mit weniger Legionären. Schopp nennt den hohen Lebensstandard und die Mentalität als zwei Hauptursachen. Mit Lebensstandard meint er nicht die Summen, die Fußballer in Österreich verdienen können. "Österreich ist eines der schönsten Länder der Welt. Es bedarf viel, aus diesem Land wegzugehen. In anderen Ländern ist das anders." Die Mentalität? Wahrscheinlich eine Folge davon. "Es gibt in Österreich nicht viele, die ganz nach oben wollen."

In diesem Zusammenhang hebt Markus Schopp ausdrücklich und lobend die jungen Stürmer Roland Linz und Roman Wallner hervor, auch wenn die in Nizza und Hannover momentan keine Wäsche haben. "Es ist halt ein Irrglaube, dass die dort sofort Stammspieler sind. Die müssen auf ihre Chance warten und müssen sie nützen. Andere Länder haben halt zehn bis fünfzehn junge Stürmer im Ausland, da schaffen es drei oder vier mit Sicherheit. Wenn du nur auf zwei bauen kannst, musst du schon viel Glück haben."

Andreas Ivanschitz hat es weit gebracht mit seinen bald (am Freitag) 21 Jahren. Zum Liebling der Rapid-Fans, zum Kapitän des Nationalteams, zum Hoffnungsträger des österreichischen Fußballs. Markus Schopp hat einen Tipp für seinen jungen Kollegen. "Den Sprung, den der Andi machen muss", sagt Schopp, "den kann er in Österreich nicht machen." So spannend es bei Rapid auch manchmal ist. Oder vor einem Länderspiel wie dem heutigen in Belfast. (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe 13. Oktober 2004)

Fritz Neumann aus Belfast
  • Schopp bei der Ankunft in Belfast.

    Schopp bei der Ankunft in Belfast.

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