Über die Pflege des Bodenständigen

13. Oktober 2004, 20:26
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Jürgen Melzer steigt in der Hierarchie des Tennis, sein Manager Reinhold Kiss ist mit dem Lauf der Dinge durchaus zufrieden - Zum Plan gehört ein Sieg gegen Rainer Schüttler und noch viel mehr

Wien Reinhold Kiss stützt sich auf eine "amateurhafte Studie", wenn er sagt: "Jürgen Melzer ist ein fescher Bursche, er kommt bei Frauen zwischen 16 und 25 am besten an." Wissenschaftlich ist das freilich nicht zu belegen. "Es ist der Eindruck von Autogrammstunden und anderen Veranstaltungen."

Kiss ist seit zwei Jahren Melzers Manager, der 50-Jährige sieht sich und seinen Schützling prinzipiell im Plan. "Er ist der beste Österreicher geworden, er liegt auf Platz 35 in der Weltrangliste." Die Vermarktung funktioniere auf zwei Ebenen, die kleine nationale und die große weltweite, wobei die kleine die große ist. "Man kann nicht behaupten, dass sich internationale Firmen aufdrängen. Wir sind maximal am Sprung. Daheim hat er eine gewisse Bedeutung und Anerkennung." Also muss das Bodenständige gepflegt werden, Melzers Sponsoren sind die Niederösterreichische (Versicherung), Styx (Naturkosmetik) und Sportastic (Ausrüster). Kiss ist finanziell nur an Verträgen beteiligt, "die ich aufstelle und abschließe. Vom Preisgeld kriege ich nichts."

Der Manager kommt aus der Musikszene, davor war er Werbeleiter bei Konsum ("in der Blütezeit, als es ihn noch gab"), er arbeitete einst mit Haddaway, Samantha Fox, Supermax, verwaltete den Nachlass von Falco. "Tennis funktioniert ähnlich wie das Musikgeschäft, ist nicht besonders kompliziert. Du kannst überall aber nur so gut sein wie deine Leute." Wobei schon gesagt werden muss: "Die Musik steht auf festeren Beinen. Das Tennis hat viele Hochs und Tiefs, es ist mitunter inflationär und deshalb kurzlebiger."

Man könne einem Sportler, also Melzer, "kein Image umhängen. Das muss von selbst entstehen. Erfolge sind die Voraussetzung, aber keine Garantie. Charisma hat man oder hat man nicht. Was nicht ist, ist nicht. Es gibt Olympiasieger, die man nach drei Wochen nicht mehr kennt." Kiss ist zum Beispiel davon überzeugt, "dass in 20 Jahren niemand in Österreich über DJ Ötzi spricht. Über einen Thomas Muster schon. Und Falco wird man auch hören, der ist zeitlos, hat Qualität."

Melzer hat in dieser Saison bisher 400.000 Dollar eingespielt, sein Einkommen holt er sich laut Kiss "zu 80 Prozent auf dem Platz. Ideal wäre ein Schlüssel von 50:50." Genial wäre ein Zustand, "wo das Preisgeld völlig wurscht ist. Aber das ist Utopie." Das große Geschäft im Herrentennis ist "auf Agassi, Roddick, Hewitt und Federer beschränkt".

Kiss hat auf Melzers Leistungen keinen Einfluss. "Mein Problem ist, dass er maximal 30 Tage im Jahr da ist. Da ist es schwierig, den Verpflichtungen nachzukommen, die Termine wahrzunehmen. Als Manager sage ich, der erste Turniersieg wäre wichtig. Den muss er anpeilen. Am besten bei einer österreichischen Veranstaltung. Er muss lernen, wie er dem Erwartungsdruck standhält."

Die BA-CA-Trophy drängt sich förmlich auf, Melzer trifft heute in der Stadthalle auf Rainer Schüttler (nicht vor 17 Uhr). Der Deutsche hat 2004 lediglich 17 Erstrundenpartien verloren, zu Melzer fällt ihm Folgendes ein: "Er schlägt unglaublich gut auf und hat auch sonst keine wirklichen Schwächen." Kiss: "Stimmt." (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 13. Oktober 2004)

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