Ein Cocktail gegen das Erblinden

19. Oktober 2004, 20:10
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Vitamine und Spurenelemente bremsen altersabhängige Makuladegeneration

Wien/Zürich/Leipzig - Ein Jahr ist vergangen, seit Doris K. feststellte, dass sie Mühe hat beim Lesen. Inzwischen kann die 70-Jährige gar nicht mehr lesen. Sie sieht auch keine Farben mehr. Doris K. leidet an der altersabhängigen Makuladegeneration, der häufigsten Augenerkrankung im Alter in der westlichen Welt.

Weil sich die Zahl der 80-Jährigen in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich verdoppeln wird, stellt die Erkrankung auch ein erhebliches sozialmedizinisches Problem dar. Eine wirksame Therapie lässt bisher auf sich warten. In Einzelfällen helfen Medikamente oder eine Laserbehandlung, den Schaden zu begrenzen. Viel versprechend dagegen sind die jüngsten Untersuchungen mit Vitaminen und Spurenelementen.

Maneli Mozaffarieh und ein Forscherteam von der Uni Wien haben in einer Überblicksstudie festgestellt, dass mit Vitaminen das Auge vermutlich geschützt werden kann. Die Karotinoide Lutein und Zeaxanthin spielen dabei eine wichtige Rolle. Als so genannte Antioxidantien fangen sie freie Radikale ein, frei zirkulierende aggressive und zerstörerische Moleküle.

Radikalfänger

Sie schützen die Makula, die für das scharfe Sehen verantwortlich ist (siehe Grafik), auf zwei Wegen: Zunächst absorbieren sie das schädliche kurzwellige UV-Licht, bevor es die Sehzellen auf der Netzhaut erreicht. So vermeiden sie bereits die Entstehung von freien Radikalen. Sind doch welche entstanden, machen sie diese in einem zweiten Schritt unschädlich. Lutein und Zeaxanthin haben in der Makula ihre höchste Konzentration und geben ihr das typische gelbe Aussehen, das makuläre Pigment. Sie wirken wie eine natürliche Sonnenbrille gegen Lichtschäden.

"Ein erniedrigter Gehalt an makulärem Pigment könnte mit einem erhöhten Risiko einer Makuladegeneration einhergehen", sagt Sebastian Wolf von der Klinik für Augenheilkunde an der Uni Leipzig. "Wir hoffen nun, mit gezielter Ernährung diesen Gehalt wieder zu erhöhen."

"Gute Quote"

Dass man mit Ernährung den Verlauf der Erkrankung beeinflussen kann, ist seit einer US-Studie aus dem Jahr 2001 bekannt. An der Untersuchung nahmen 3700 Männer und Frauen zwischen 55 und 80 Jahren teil. Sie schluckten sieben Jahre lang einen hoch dosierten Cocktail aus Vitamin C und E, Beta-Karotin, Zink und Kupfer. Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick nicht atemberaubend: Acht von hundert haben profitiert, vor allem stark Erkrankte. Der Sehverlust hat sich um 19 Monate verzögert.

Augenarzt Horst Helbig, der am Unispital Zürich diesen Cocktail verordnet, rückt die Ergebnisse ins richtige Licht: "Das ist für Präventivmedizin eine gute Quote." Und Sebastian Wolf gibt noch zu bedenken, dass eine "geringfügige" Verbesserung für einen alten Menschen eine andere Bedeutung habe als für einen jungen.

Die Vitamintherapie ist einfach, die meisten Patienten vertragen sie gut. Messbare Wirkungen zeigt sie frühestens nach fünf Jahren. Allein: Wegen des erhöhten Risikos eines Bronchialkrebses eignet sie sich nicht für Raucher. (Stefan Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2004)

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    grafik: der standard
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