Ein billiger wohliger Schauer

7. Februar 2005, 17:48
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Und wieder einmal sind sich "Die Presse" und die "Kronen Zeitung" einig, auch wenn sie ihre Antworten auf ...

... eine - noch - ungelöste österreichische Frage aus Anlass des Nobelpreises an Elfriede Jelinek in unterschiedlichen Nuancen zu Rotationspapier brachten: Den österreichischen Künstlern und Intellektuellen, zumal den politisierenden, fehlt es einfach an Realitätsbezug.

Der Aufwand, ihnen zu einem solchen zu verhelfen, war in den Tagen danach kein geringer, Frau Jelineks "böse Ahnungen, dass der Preis zur Belastung", zumindest aber zum Anlass von Belästigung wird, erwiesen sich als berechtigt. Etwas weniger zurückhaltende Menschen hätten erst gar nicht von bösen Ahnungen gesprochen, wo banale Gewissheit ins Haus stand. Das Blatt, dessen Kolumnist als Literaturpapst von Catos und Schüssels Gnaden Österreichs größtes Literaturprojekt unter Einschluss von Elfriede Jelinek durchziehen wollte, schickt nun seine auf Nestbeschmutzer scharf abgerichteten Leser aus, deren patriotischer Bezug zur Kunst sie treibt, Künstler mit der Heimatrealität zu konfrontieren, auf dass sie endlich einen Bezug dazu herstellen lernten.

Die Hausdichter trugen die Fahne voran. Stets sah Elfriede Jelinek/ in Österreich den letzten Dreck./ Doch jetzt ist dieser stolz auf sie./ Verstört sie das nicht irgendwie? fragte Wolf Martin die schon lange vor seiner Poesie von seinesgleichen Verstörte, und der Hauspoet, der den Lesern der "Krone" Geistesart in Mundart näher bringen soll, sah gar Endzeit heraufdämmern: I hab de Nachricht/ ned glei glaubt,/ hab mir Bedenkzeit/ drum erlaubt,/ doch es is wahr,/ Frau Jelinek /hat den Nobelpreis! I bin weg./ . . . Der Untergang des/ Abendlands/ war halb scho da,/ jetzt gibts eahm ganz.

Mit diesem eschatologischen Kulturpessimismus stand er nicht alleine da, dichtete doch auch eine Leserin: Ihr Pegasus ist hassbeflügelt,/ ihr Geist nur Mist ausklügelt. Oh Menschheit, was ist bloß aus dir geworden?/ In dieser Endzeit voll mit Wort-und echten Morden!

Aber auch Zuwendung wurde Frau Jelinek zuteil. Im Wiener Kaffeehaus "Korb" habe ich Elfriede Jelinek ein paar Mal flüchtig gesehen, als trüge sie aus Scheu (oder Abscheu) vor Menschen Tarnkappe, prahlte Marga Swoboda mit dem Kunststück, wie man eine Person sieht als trüge sie Tarnkappe. Jemand flüsterte, schau, da drüben, die Jelinek. Einmal, viel, viel früher noch, hatten wir ein Gespräch. Über das Thema, warum sie sich auf keinen Fall zu einem Interview überreden lasse. Ach so!

Also habe ich, als trüge sie Tarnkappe, eine Nobelpreisträgerin gesehen und sogar geredet mit ihr. Ein Schauer, ein billiger wohliger Schauer ist das gestern gewesen zu hören: Und der Nobelpreis für Literatur geht an Elfriede Jelinek. Waren es die zu erwartenden Leserbriefe, die Frau Swoboda den billigen wohligen Schauer verschafften? Die erste ÖsterreicherIn (ausnahmsweise muss man das so schreiben) und die widerspenstigste Österreicherin. Eine Sensation mit allen erdenklichen Nebengeräuschen: Jubel, Verblüffung, Bravo, Empörung, Fassungslosigkeit, Bewunderung, Staunen und Schweigen. (Falls das auch ein Geräusch sein kann.)

Warum von allen erdenklichen Nebengeräuschen in der "Krone" fast nur die wutschnaubende Empörung zu hören ist, lässt die Kolumnistin offen. Sie interessiert eher Persönliches. Wenn man nur eine Frage stellen dürfte. Was das für ein Gefühl ist zu erfahren: DER NOBELPREIS! ICH! Der Augenblick, in dem die Unsterblichkeit irgendwie amtlich und mit sehr viel Geld beglaubigt wird. Frau Swoboda bräuchte nur einen Blick auf die Leserbriefseite ihres Blattes zu werfen, dann wüsste sie es: Querulantin wäre noch das Netteste, was ihr dort beglaubigt würde.

An der "Krone" liegt es jedenfalls nicht, wenn den Künstlern der Realitätsbezug fehlt. Michael Fleischhacker in der "Presse" formuliert natürlich etwas differenzierter. Schon gut, wie Jelinek Klischeehaftes einem Verdichtungs- und Zuspitzungsprozess unterzieht. Es ist aber zugleich überraschend und enttäuschend, wie sehr immer dann, wenn die Jelinek das Reich ihrer Kunst verlässt und sich auf den politischen Boulevard begibt, auch sie selbst kaum mehr zustande bringt als Klischees und Vorurteile.

Das kann er beweisen. Als es dann mit der ÖVP-FPÖ-Regierungsbildung des Jahres 2000 tatsächlich zu diesem Machtwechsel kam, haben denn auch etliche österreichische Künstlerinnen und Künstler ihren fragwürdigen Beitrag zur maßlosen europäischen Erregung jener Tage geleistet.

Und dieser Realitätsbezug fehlt ihnen leider noch immer. Aber es gibt Hoffnung. Könnte die Koalition ihre Neigung unter Kontrolle bringen, alles, was von künstlerischer Seite an Österreich-Kritik vorgebracht wird, in die Nähe des Vaterlandsverrates zu rücken - wer weiß, vielleicht könnte dann auch der Realitätsbezug der Künstler und Intellektuellen wieder einigermaßen hergestellt werden.

Was Fleischhacker vorschlägt, ist ein seriöses Geschäft. Die Künstler sollten sich endlich mit der Realität abfinden, dann hat die Regierung sie wieder lieb. Das ist doch der Sinn der Kunst!
(DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2004)

Von Günter Traxler
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