Verdi-Chat, und keiner riecht den Braten

19. Oktober 2004, 14:32
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Peter Konwitschny, inszenierender Opernaufreger, kommt mit Verdis "Don Carlo" an die Wiener Staatsoper

Wien - Soeben hat Peter Konwitschnys einstige Assistentin Vera Nemirova dem Grazer Opernpublikum Beethovens Fidelio vergällt, da darf der Gottseibeiuns der heilen Opernwelt an der Wiener Staatsoper höchstpersönlich zu einem neuen Don Carlo ausholen. Wohl wurden in den ästhetischen Wall, den deren Direktor zunächst gegen alle Attacken des modernen Regietheaters um dieses Haus errichtet hatte, schon einige Breschen geschlagen, die allerdings - denkt man nur an die Frau ohne Schatten oder den Parsifal - wenig überzeugend gerieten.

Vom Schmiedl zum Schmied

Kein Wunder also, dass er sich diesmal - möglicherweise auf Initiative des ebenso enthusiastischen wie kompetenten Chefdramaturgen Peter Blaha - entschlossen hat, nicht mehr zu einem Schmiedl, sondern gleich zum Schmied zu gehen, der in diesem Fall eben Peter Konwitschny heißt.

Worüber dieser "Schmied" natürlich nicht unglücklich ist, zumal die Proben an der Staatsoper unter zufrieden stellenden Bedingungen bisher wie am Schnürchen laufen. Nun, mit 59 scheint er es geschafft zu haben. Er fühlt sich akzeptiert und dadurch auch privilegiert.

Opernregie

Das war nicht immer so. In früheren Jahren stemmten sich manche Darsteller schon ziemlich trotzig gegen seine Absichten. Kein Wunder also, dass er ursprünglich gar nicht vorhatte, für immer bei der Opernregie zu bleiben. Zumal ja alles ganz harmlos angefangen hat. Seine erste Operninszenierung galt einer harmlosen Kinderoper, Cesar Bresgens Der Mann im Mond, am Theater in Brandenburg.

Das waren die ersten Jahre, wo man gewissermaßen von der Hand in den Mund inszenierte. Jetzt ist das anders. Jetzt werden Werke und Aufführungsorte fünf Jahre im Voraus festgesetzt. Da könnte es schon passieren, dass sich die Idee, die man zu Vertragsabschluss von zur Realisierung eines Werkes hatte, in einer so langen Zeit verflüchtet, die Begeisterung entschläft.

Kein Zurück

Damit das nicht passiert, gibt es vier Jahre hindurch alle sechs Monate ein Treffen mit seinem Inszenierungsteam, in dessen Verlauf die Inszenierung nach und nach entwickelt wird. Nach der Bauprobe allerdings ist alles fixiert. Da gibt es dann kein Zurück mehr, auch wenn sich innerhalb dieser Zeit für das betreffende Werk womöglich eine neue Interpretationsmöglichkeit auftut.

Konwitschny leitet nämlich das politische Theater vom griechischen Wort polis ab, das Stadt bedeutet. Für alle freien Bürger eines solchen Stadt war das Theater eine Stätte des politischen Diskurses. Schon Friedrich Schiller schreibt in seinen prosaischen Schriften: "Darum rettete ein Schauspiel, das man zu rechter Zeit gab, oft die öffentliche Ruhe, welche der Aufruhr bedrohte." Als in einer Komödie ein kahler Staatsmann auftrat, erhob sich Solon und zeigte allen Bürgern lächelnd seine Glatze.

Das Kognitive

Da die antiken Dramen ja gesungen wurden, scheint die Oper - als Gattung freilich ein ästhetisches Missverständnis der Renaissance - für Konwitschny von intensiverer Wirkung als das Schauspiel. Die Musik bewirkt seiner Ansicht nach, dass der Text und dessen Bedeutung den ganzen Menschen erfassen, alle seine Sensorien durchlaufen, bevor sie semantisch erfasst werden, während im Schauspiel hingegen das gesprochene Wort unmittelbar ins Kognitive geht.

Eigenes Leben

Daher kommt es darauf an, das, was man an und in einer Oper spürt, dem Publikum sinnfällig zu vermitteln. Denn es ist ja der Interpret, der einer Operngestalt sein eigenes Leben leiht. Was er erlebt, erfahren und erlitten hat, wird in einer Realisierung spürbar und gibt ihr erst - im Sinne des antiken Theaters - die Glaubwürdigkeit.

Bei einem solchen Ansatz werden so genannte werkgetreue Aufführungen überwiegend zu musealen Vergnügungen und haben nur in Ausnahmsfällen künstlerischen Belang. Besonders dann, wenn der Zustand, der Opernregie so elend ist, wie er sich nach Meinung Konwitschnys gegenwärtig darstellt. Manche Regisseure haben nicht nur von Musik keine Ahnung, sie kennen zu Probenbeginn nicht einmal den Text. Werden sie dann von dem einen oder dem anderen Sänger darauf hingewiesen, dann sagen sie einfach, "na gut, dann macht mal".

Historisches Ambiente

Aus Verdis Don Carlo liest Konwitschny die Botschaft ab, dass jeder Einzelne zum Scheitern verurteilt ist, weil das System tödlich ist. Keiner überlebt. Den ersten Akt lässt Konwitschny im historischen Ambiente spielen. An dessen Schluss jedoch, als bekannt wird, dass Elisabeta die Gattin Philipps werden soll, senkt sich ein kahler Schauplatz über das Geschehen. Es gibt praktisch keine Dekorationen. Nichts soll vom Konflikt der Personen ablenken.

Für die Stelle, an der Don Carlo die Eboli für Elisabeta hält, hat Verdi ursprünglich eine Ballettmusik geschrieben, die diesmal auch auf- und als Ebolis Glücksvision dargestellt wird. Allerdings als Szene aus der Gegenwart. Eboli ist mit Carlo verheiratet, und Elisabeta kommt mit Gemahl Philipp zu Besuch. Man trinkt Whisky, Eboli hat eine Ente im Backrohr, auf die sie im Verlauf des munteren Smalltalks ganz vergisst, bis es aus der Küche qualmt und der Braten verkohlt ist.

Die Pausenjagd

Das Autodafé spielt ebenfalls in der Gegenwart. In Echtzeit sogar. Während der Pause, wenn die Leute ihren Sekt und ihr Bier trinken, mischen sich die Darsteller unter das Publikum. Auch die Gefangenen werden durch die Pausenräume gejagt, bis sich die auf Videowänden von überall einsehbaren Vorgänge in den Zuschauerraum verlagern, durch den dann der König durch den Orchestergraben der Bühne zu schreitet.

Nur die meisterliche Kongruenz, die Konwitschny auch in den gewagtesten Deutungen zwischen Musik und Aktion herzustellen vermag, kann einem so komplizierten, das übliche Aufführungsritual radikal verstörenden szenischen Gefüge plastische Wirksamkeit verleihen. (Peter Vujica/DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2004)

Premiere am 18. Oktober in der Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper

  • Peter Konwitschny will, dass sich die Darsteller während der Pause, wenn die Leute ihren Sekt trinken, unter das Publikum mischen.
    foto: standard/cremer

    Peter Konwitschny will, dass sich die Darsteller während der Pause, wenn die Leute ihren Sekt trinken, unter das Publikum mischen.

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