Stehterminal

19. Oktober 2004, 10:17
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Wiens erste "Interaktive Litfasssäule" hat sich seit 2000 verändert. Damals gab es hier noch keinen Münzeinwurf...

Als wir dann doch vor dem Ding standen, wirkte M. ehrlich fasziniert. Schließlich, waren wir uns einig, ist es eine Leistung, Vorzeigetechnik im öffentlichen Raum so aufzustellen, dass drei Menschen, die genau jenes Teil genau hier suchen, zweimal daran vorbei gehen. Aber vielleicht waren M., der Fotograf und ich ja von selektiver Blindheit geschlagen. Andererseits: Es war Nachmittag. Kurz nach Büroschluss. Die Mariahilfer Straße war voll. Trotzdem standen M., der Fotograf und ich gut 20 Minuten neben der falschen Litfasssäule, bevor noch jemand stehen blieb: Zwei Jugendliche wollten Freunden Mails schicken – aber sie gingen dann doch weiter.

Alle Achtung, sagte M. Wenn das zeigen soll, wie man Dinge versteckt, ist das hier wirklich gelungen. Aber so sicher war er sich nicht: Wer ist schon so krank, in der am dichtesten frequentierten Zone der besten Einkaufsstraße der Stadt ein teures Internetterminal aufzustellen, stattet das Ding wetter- und vandalenfest aus – und tarnt es dann? Eben.

Ergo, schlussfolgerte M., dürfte die Sichtbarkeit von Wiens erster „Interaktiver Litfasssäule“ ein Problem sein. Und wenn einer wie M. das sagt, ist das eine Expertise: M.s Job ist es, Dinge auf Brauchbarkeit in der Echtwelt hin zu überprüfen. Weil wir – der Fotograf und ich – eine Geschichte über die Anwendbarkeit von Stadtmöbeln machten, waren wir mit M. unterwegs. Und als wir fertig waren, meinte der Profi-Tester, dass ihm ein Kollege gesagt habe, dass es auf der Mariahilfer Straße dieses Webterminal gebe. Den wolle er sich ansehen. Dann suchten wir.

Wiedersehen

Erst als wir vor dem in die Säule fast versenkten Terminal standen (M. sagte: Toll, das Gerät ist vor Wind und Wetter geschützt, aber jeder, der es benutzen will, steht im Regen und muss die Tasche in den Dreck stellen.) erinnerte ich mich: Ich war schon einmal hier. Unmittelbar nach der Eröffnung des Web-Zuganges. Im Dezember 2000. Und schon damals hatte ich einen Tester dabei. Der Behindertenlobbyist und Rollstuhlfahrer Manfred Srb begutachtete das wenige Tage zuvor vom De-Facto-Stadtwerbungsmonopolisten, dem Zukunftsstadtrat (damals ÖVP), einem großen High-Tech-Unternhemen und der Sozialstadträtin (immer noch SPÖ) voll Stolz präsentierte Surf-Interface (nebenbei: damals noch ohne Münzeinwurf für Mails und Sms) aus einer anderen als der Normperspektive: Srb (Schulterhöhe: 90 cm, Augenhöhe: 109 cm) blickte auf die für ihn kaum lesbaren Buchstaben am Schirm (Unterkante: 138cm) empor. Derartige Einrichtungen, ärgerte er sich, würden alle, die von der Normgröße von 1.75m mehr als 20 Prozent abwichen, diskriminieren.

Wie es sich für einen braven Journalisten gehört, fragte ich im Rathaus nach – und wurde umgehend belehrt: 300 derartige Stationen würden bald die ganze Stadt überziehen. Selbstverständlich würden sie so ausgerüstet, dass Rollstuhlfahrer und Kinder ihre Vorzüge auskosten können würden. Das dafür nötige Zwischenelement sei, bedauerte man bei Hersteller und Politik, – leider leider – terminbedingt zur feierlichen Inbetriebnahme der ersten Station nicht verfügbar gewesen. Selbstverständlich werde man bei den folgenden Geräten alles bestens installieren – und der Erstling auf der Mariahilfer Straße würde nachgerüstet. Das war im Dezember 2000.

Technisch machbar

Letzte Woche stand ich mit M. vor der Säule. M. mutmaßte, dass dieses Ding hier von Rollstuhlfahrern, Kindern und anderen Menschen, die von schräg unten auf den Touchscreen sähen, nicht benutzbar sein könnte. Und das, obwohl es technisch kein Problem sei, den Schirm verstellbar zu machen: Nur weil das bei Fahrscheinautomaten der Wiener Linien und der ÖBB nicht geschähe, sei das kein Grund, anderswo diesem schlechten Beispiel zu folgen, sagte M.

Ich hatte ein deja vu (eher: ein deja entendu): Vor fast vier Jahren hatte der Mann im Rollstuhl an ebenjener Stelle doch wörtlich ebenjenen Satz gesagt. Und wir hatten uns – nachdem die Reparatur versprochen worden war – vorgenommen, in Bälde Nachschau zu halten. Natürlich hatten wir das umgehend vergessen.

Dennoch: Die "Interaktive Litfasssäule" hat sich seit damals verändert. 2000 gab es hier noch keinen Münzeinwurf. Jetzt schon. Ich hätte das ja fast übersehen. Aber die beiden Jugendlichen, die Mails an ihre Freunde schicken wollten, zogen, als sie den Schlitz sahen, umgehend weiter: Für Geld, meinten sie, könnten sie auch in einem Internetcafé surfen. Dort würden sie nicht nass, nicht jeder Passant könne ihnen über die Schulter lesen – und man könne sogar im Sitzen auf den Bildschirm sehen.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg. Jede Woche auf derStandard.at/Panorama

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    Panorama

  • Jetzt auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten der vergangenen drei Jahre - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.
    echo-verlag

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