Public Netbase wird vorerst stillgelegt

22. Oktober 2004, 20:10
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Ankündigung der Netzkulturinitiative betrifft auch E-Mail-Adressen von Kulturschaffenden, Vereinen und Projekten

Wien - "Wir haben lange ausgehalten", doch nun muss Konrad Becker seine seit Jahren um ihre Existenz kämpfende Netzkulturinitiative Public Netbase bis auf weiteres schließen. Der Trägerverein "Institut für Neue Kulturtechnologien" löst das Technik-Team von Public Netbase auf, schließt den Raum in der Burggasse für die Öffentlichkeit und beendet das Internet Service Providing, nachdem der Bund angekündigt hat, für 2005 keine Subventionen mehr zu zahlen. Er habe "bis zuletzt gehofft, diesen Schritt nicht setzen zu müssen", schilderte Becker am Freitag bei einer Pressekonferenz.

E-Mail-Sperre

Die Defizitentwicklung erzwinge jedoch die vorläufige Stilllegung. Es wird ein eingeschränkter Betrieb aufrechterhalten, um die vertraglichen Verpflichtungen internationaler Projekte zu erfüllen. Die Aussetzung des Provider-Dienstes betreffe rund 1.000 E-Mail-Adressen von Kulturschaffenden, Vereinen und Projekten. Mit der Schließung des nach dem unfreiwilligen Auszug aus dem MuseumsQuartier immer noch "Ausweichquartier" genannten Lokals in der Burggasse verliere Wien einen "wichtigen Raum", wo insbesondere migrantische Gruppen durch selbst organisierte Medienworkshops "Self-Empowerment" betrieben hätten, so Becker, der appellierte: "Lasst uns weiter um Public Netbase kämpfen".

Derzeit gebe es "keinen konkreten Planungshorizont, wie wir den Betrieb wieder aufnehmen können". Dafür nötig seien die Abdeckung des Strukturdefizits, Konsolidierung und die Findung eines neuen Standortes. Den Raum in der Burggasse wolle man derzeit nicht aufgeben, eine Übersiedelung in neue Räume sei teurer als das Dortbleiben, so Becker, der betonte, in den Raum nicht mehr investieren zu können und zu wollen. Es habe zuletzt drei Kabelbrände gegeben.

Schwierigkeiten mit der Obrigkeit

Zum Bund gebe es dabei "keine Gesprächsbasis" mehr. Von diesem hat die stark regierungskritische Public Netbase nach eigenen Angaben zuletzt für das Jahr 2004 35.000 Euro erhalten. Vor dem Regierungswechsel hatte man 167.148 Euro jährlich sowie Förderungen für Einzelprojekte bekommen. Die Stadt Wien ist wiederholt mit Budgeterhöhungen bzw. Sondermitteln eingesprungen. Zuletzt hatte das Jugendressort seine Förderungen jedoch von 65.000 auf 25.000 Euro gekürzt. Becker meinte, man sei prinzipiell mit der Stadt Wien im Einverständnis, dass Public Netbase strukturell unterfinanziert ist und eigentlich einen jährlichen Mindestbedarf von 635.000 Euro hat.

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) betonte, er bedauere die vorläufige Schließung. Jedoch habe er in seiner Amtszeit die Subventionen um 300 Prozent auf 218.000 Euro im Jahr erhöht. Damit sei Public Netbase im künstlerischen Bereich "adäquat" dotiert, eine weitere Erhöhung schloss Mailath-Pokorny aus. Das letzte Wort über Public Netbase sei mit der vorläufigen Schließung jedoch noch nicht gesprochen, man führe weiter Gespräche, so der Kulturstadtrat.

Internationale Vernetzung

Das Interesse an Public Netbase sei über die Jahre stark geblieben, betonten Becker und Netbase-Sprecher Martin Wassermair. Die Initiative sei international ein "begehrter" Kooperationspartner, der u. a. im EU-Kulturförderungsprogramm "Kultur 2000" und in einem EU-Programm mit Indien Projekte durchgeführt hat bzw. mitten in diesen steckt. Die Initiative müsse in einem Maß aufrechterhalten werden, dass die Abwicklung dieser internationalen Projekte möglich bleibt, so Wassermair. Die Teilnehmerzahlen der Workshops von Public Netbase zeigen laut Wassermair, dass das Interesse "nicht im Lauf der Jahre abgenützt" sei.

"Gerade weil die Gesellschaft immer mehr von Technologie bestimmt wird, darf man diese nicht den Technokraten und Großkonzernen überlassen", so Becker, der hoffte, dass "der langsame Sterbeprozess von Public Netbase nicht 2005 zu seinem Ende kommt". (APA)

  • Artikelbild
    grafik: public netbase
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