Die Grundstücke der Einstürzenden Neubauten

19. Oktober 2004, 14:38
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Erstaufführung der an nur drei Orten geplanten Performance und Klanginstallation am 24. und 25. Oktober im KlangRaum Krems

Seit ihrer Jubiläumstournee zum 20jährigen Bestehen der Band im Jahr 2000 haben Einstürzenden Neubauten vielerlei kreiert: so veröffentlichten sie einen Soundtrack zu Hubertus Siegerts Film Berlin Babylon (2001), der rund um die "Erdachse" zur "Befindlichkeit des Landes" angelegt ist, den dritten Teil der Trilogie- und Raritäten Kompilation, Strategien gegen Architekturen (ebenfalls 2001) , die live-DoppelCD zur "Geburtstagstournee" 9-15-2000 Brussels (2002) und 2004 das aktuelle Album Perpetuum Mobile.

"Phase eins"

Zudem starteten sie 2002 auch mit einem experimentellem globalen Projekt: dem interaktiven Komponieren zwecks dem Freisein von Labels. Die Fans konnten Spenden, und Einstürzende Neubauten finanzierten so Instrumente und ein Studio samt Webcams. Einmal die Woche präsentierte die Band ihre "work in progress" via zwei-stündlichem live Internetauftritt. Die Unterstützenden ihrerseits durften Kommentare, Vorschläge und Wünsche abgeben. Als Resultat dieser Interaktivität, der "Phase eins", erschien 2003 das Supporters' Album #1, erhältlich nur für die zahlenden UnterstützerInnen.

"Phase zwei"

Als Krönung der "Phase zwei", die im Herbst 2003 startete, bereiten Einstürzende Neubauten im Zuge ihrer "Grundstück"- Reise zu drei unterschiedlichen Orten nun an zwei Tagen im Rahmen des "Kontraste 2004 - Seltsame Musik" im KlangRaum Krems/Minoritenkirche eine Performance vor, die jenseits des klassischen Konzertauftritts situiert ist. Basierend auf den für Perpetuum Mobile aufgenommenem Titel „Grundstück“, dessen Name sich auf den während des Schaffesprozesses bespielten Ort bezieht und daher zu Beginn auch als "Bodenstück" bezeichnet wurde, entwickelten Neubauten ein Konzept, das über bekannte Konzertsituationen hinausgeht.

Dafür wurde „Grundstück“ als längeres, in sich geschlossenes Format konzipiert, an dem während der Performances nun weiter gearbeitet wird: Wiederholungen, Irrläufe und Varianten können somit vom Publikum direkt miterlebt werden. Darüber hinaus enthält „Grundstück“ auch Klanginstallationen, die speziell auf den Aufführungsort abgestimmt sind und an dessen Eigenheiten ansetzen. Als Teil des musikalischen Konzepts werden diese in ihren Wirkungen nicht nur hörbar und sichtbar sondern auch betrachtbar sein.

Architekturen

Die Grenzbereiche zwischen Ton und Lärm durchziehen das Schaffen der Einstürzenden Neubauten wie ein roter Faden, ebenso wie ihre Vorliebe der Zerstörung um des Wiederaufbauens willens. Einstürzende Neubauten, dessen Name mit der 5. Stufe auf der Richterskala korrespondiert, skandieren letzteres als Leitmotiv seit mehr als 20 Jahren, wie der Titel zur Trilogie-Kompilation Strategien gegen Architekturen (1983, 1991, 2001) suggeriert. Auf musikalischer Ebene ist es im kompletten Neubeginn eines jeden Albums zu finden, sowie im uneingeschränkten Gebrauch von selbstgemachten Instrumenten und Rohmaterialien, wie verstärkte Federn, Metalle, Schleifmaschinen, Mülltonnen, komprimierte Luft etc.

Auch wenn sich die neueren Alben von den geräuschvoll lärmenden Platten älteren Datums insofern unterschieden, als dass sie weniger von der Idee einer "Phönix aus der Asche" geprägt sind, so spielt dieser Zyklus, wenn auch auf einem subtileren Level, nach wie vor eine Rolle. Feine Melodien begleiten Einstürzende Neubauten spätestens seit Tabula Rasa 1993, auch der Harmonie wird eine elementare Rolle zugeschrieben. "Klassische" Instrumente, meist konventionell gespielt, meißeln eine globale Ästhetik, die ab nun auch weniger radikal erscheint.

Bunker

Zwar haben die Neubauten auf ihren neueren Alben ihre frühen Besonderheiten zum Teil abgelegt, keineswegs aber haben sich damit auch Blixa Bargeld's elaborierte Texte verabschiedet. Jene verbinden sich noch immer mit den Atemzügen der Musik und untermalen weiterhin die Bedeutungen der Sounds (was sich nicht zuletzt auch durch ihre Zusammenarbeit mit dem Theater manifestiert). Und ihre anhaltende Präferenz zum Schwierigen und Komplizierten hat Einstürzenden Neubauten bislang davor bewahrt, mit Klischees eingedeckt zu werden.

Vielleicht ist es ja gerade auch jene Mutation die Bargeld gemeint hat, als er 1998 in einem Interview darauf hingewiesen hat, dass "wir zuerst versucht haben, den [Musik-] Bunker von außerhalb zu attackieren. Nun attackieren wir ihn von innerhalb." Man darf gespannt sein, inwieweit dieses Statement auch auf die gotische Minoritenkirche Stein in Krems zutreffen wird. (cra+)

Erste Station der dreiteiligen "Grundstückreise" der Neubauten ist am 24. und 25. Oktober 2004 in Krems, die zweite am 29. Oktober 2004 Reggio Emilia in Italien und die letzte findet im Berliner Palast der Republik am 04. November 2004 statt.

Links

Einstürzende Neubauten

Alben

Komplette Diskographie 1980-1997

Mute Records

KONTRASTE 2004: SELTSAME MUSIK - Festival für musikalische Seitensprünge

KlangRaumKrems Minoritenkirche

  • Ohne Pause sind die Einstürzenden Neubauten seit ihrem ersten Konzert am 1. April 1980 in Berlin (damals mit Blixa Bargeld, N.U. Unruh, Gudrun Gut, Beate Bartel), aktiv. Der Kern der Band (Bargeld 2.v.l.), Unruh (2.v.r.) und Alexander Hacke, seit 1983 dabei (mitte), besteht heute noch, nach dem Abgang von "Klangmeister" F.M. Einheit und Mark Chung Mitte der 90er wurden sie von den beiden "die Haut"-Musikern Rudolf Moser (1.v.l.) und Jochen Arbeit (1.v.r.) ersetzt.
    foto: klangraum/thomas rabsch

    Ohne Pause sind die Einstürzenden Neubauten seit ihrem ersten Konzert am 1. April 1980 in Berlin (damals mit Blixa Bargeld, N.U. Unruh, Gudrun Gut, Beate Bartel), aktiv. Der Kern der Band (Bargeld 2.v.l.), Unruh (2.v.r.) und Alexander Hacke, seit 1983 dabei (mitte), besteht heute noch, nach dem Abgang von "Klangmeister" F.M. Einheit und Mark Chung Mitte der 90er wurden sie von den beiden "die Haut"-Musikern Rudolf Moser (1.v.l.) und Jochen Arbeit (1.v.r.) ersetzt.

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