Wirbel aus Stillstand und Gewalt

8. Oktober 2004, 22:16
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Sherko Fatahs Roman "Onkelchen" über eine Reise in den Irak

Der Titel verspricht eine burleske Geschichte oder auch eine orientalisch verspielte. Der Roman beginnt mit der Schlachtung eines Schwans im Park einer deutschen Großstadt, am Ende steht das Bild der Guillotinen in einem irakischen Gefängnis, die Blutlachen, die Schwierigkeiten der Reinigung, die durch eine Apparatur gelöst werden, "die das Blut aus den Halsstümpfen auffing und ableitete". Onkelchen ist alles andere als ein blutrünstiges Buch. Sherko Fatah erzählt seine Geschichte mit Gelassenheit und Dezenz - dezent ist er sogar im Einsatz seiner Leitmotive: Der Schwan zieht noch einmal kurz durchs Bild, ehe viel später in Bagdad im Blut auf dem Gefängnisboden "weiße Flaumfedern" schwimmen, "die der Wind von der Stadt her über die Mauer wehte".

Die Erlegung des Schwans war sinnlos, ein unnützes Opfer am Heiligen Abend, denn sein Fleisch stellt sich als ungenießbar heraus. Sinnlos erscheinen auch die Gefechte im fremden Land, die Folter eines Mannes, der nichts zu gestehen hat. Gleich zu Beginn zieht es den Leser in einen Wirbel aus Stillstand und Gewalt. Eindrucksvoll führt Fatah die unschlüssige Brutalität der vier jungen Männer vor, die einander irgendwann in den späten 90er-Jahren weihnachtlichen Beistand leisten: wie die Jagd sie kurz zusammenschweißt, wie sie sich unter Zuhilfenahme von Wodka ans Ausbluten, Ausweiden und Rupfen machen. Unter ihnen ist einer, der seinen Willen durch Beharrung den andern aufzwingt: Rahman, der am Bau arbeitet, ist der dunkle, unnahbare Held des Romans. Er dreht dem Schwan den Kragen um. Michael, der Bummelstudent, aus dessen Perspektive der Großteil der Geschichte erzählt wird, bewundert und verachtet ihn zugleich für seine Fähigkeit, jede Situation "bewusst, ja planvoll eskalieren zu lassen und dabei völlig unbeteiligt zu wirken".

Kennen gelernt hat Michael auch zwei kurdische Landsleute Rahmans, eine Frau namens Nîna und einen alten Mann, der nicht spricht : Nîna nennt ihn, der eigentlich Omar heißt, "Onkelchen". Sie ist ihm in einem Auffanglager begegnet. Michael entwickelt für die beiden ein brennendes Interesse, bald ist kaum noch zu sagen, wer ihm mehr am Herzen liegt. Die Streifzüge, die Michael mit ihnen unternimmt, erschließen eine unwirtliche, eine unüberwindlich fremde deutsche Stadt, eine Wüste voll gigantischer Baustellen und hypertropher Massenfeste: unverkennbar Berlin, Sherko Fatahs Geburtsort. Fremd bleiben dem Deutschen die beiden Fremden, die seine Sprache nicht sprechen. Und obwohl Nîna sich von ihm küssen lässt, verbannt sie ihn aus ihrer Nähe.

Rahman, der Dolmetscher zwischen ihnen, liefert keine Erklärung. Dafür lädt er den Freund ein, ihn auf eine Reise in seine Heimat zu begleiten. Er hat ein Auto zu überstellen und macht sich erbötig, mit Michael Stationen von Omars Flucht- und Leidensweg aufzusuchen. Die Fahrt durch den Balkan ins wilde Kurdistan lässt Michael lange ungerührt, sie scheint ihm auch "Onkelchen" nicht näher zu bringen: Dann wechselt die Erzählung blitzartig zur Rückblende, der Blickwinkel zu Omar.

Mit der Ankunft im Irak rückt die Gewalt für Michael in die Gegenwart. Es sind nicht die politischen Umstände, die Fatah interessieren, die Situation nach der Niederschlagung der kurdischen Revolten im Gefolge des ersten Irak-Kriegs. Hier geht es um ein grundsätzliches Nichtverstehen, eine fundamentale Fremdheit. Als Michael sich an den Anblick von schwer bewaffneten Peschmerga und an die Schüsse gewöhnt hat, sieht er die ersten Toten auf einem Kleinlaster: Er "fühlte sich so vollkommen fremd in dieser Umgebung, dass er hätte hinaus und einfach immer weiter geradeaus gehen können und sich dabei sicherlich vorgekommen wäre wie ein Unsichtbarer, eine Luftgestalt".

Die Vorstellung vom Abenteuer, das in tiefer Langeweile existenzielle Intensität beschert, scheint hier ins Paradox verkehrt. Der Fremde taumelt durch eine winterkalte, "unbefestigte" Gegend und beginnt sich nach der Heimkehr in die kaum heimeligere Stadt zu sehnen, während sein Rahman all seinen Mutwillen verloren hat, gleichsam in sein früheres Ich zurückgekehrt ist und Michael vorwirft, sich überall heraushalten zu wollen. Die Verwandlung ereignet sich dann durch ein traumatisches Erlebnis, das die fremden Freunde zu Betroffenen macht.

Onkelchen ist ein grandios rätselhaftes, ein bedrückendes Buch. Das Hineingeraten des Reisenden in etwas, das ihn nichts angeht, die Atmosphäre des Ausgeschlossenseins und der schleichenden Bedrohung erinnern an Paul Bowles, vor allem an seinen Marokko-Roman Das Haus der Spinne. Fatah erzählt ähnlich souverän mit kalkulierter Kühle. Michael begreift zuletzt doch etwas von diesem Mann, der an der Zunge verwundet, in seinem Kern getroffen ist, er begreift als ein Verletzter: "So schrecklich es klingt, hätte ich ihm gesagt, aber in einem gewissen Sinn bist du nicht mehr lebendig. (. . .) Du tatest gut daran, die Sprache zu verweigern, in der dein Name dich nicht mehr bezeichnet." Dass der Schwan auch ein Symbol der Verwandlung ist, nicht nur das der Liebe und Reinheit, dass wir uns die Engel mit Schwanenfedern gerüstet vorstellen, mag einem einfallen. Am Schluss betrachtet Michael im Museum ein historisches Fluggerät. Wie gesagt, Fatah ist ein dezenter Autor.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.10.2004)

Von Daniela Strigl, Literaturkritikerin und Jurorin beim Bachmann-Preis
  • Sherko Fatah Onkelchen € 19,90/299 Seiten. Jung und Jung, Salzburg 2004.
    grafik: jung und jung

    Sherko Fatah
    Onkelchen
    € 19,90/299 Seiten.
    Jung und Jung,
    Salzburg 2004.

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