Gesang vom lusitanisch gekräuselten Wal

17. Oktober 2004, 21:56
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"Elefantengedächtnis", der Erstling des Romanciers António Lobo Antunes wird nachgereicht

Es gehört zu jenen längst geflügelten Irrtümern einer gesucht nationalliterarischen Betrachtungsweise, wonach der Glanz wie die Bürde eines Literaturnobelpreises nicht immer den berufensten Vertreter treffen müssen. Als Landsmann José Saramago 1998 die begehrte Trophäe davontrug, war das Werk des portugiesischen Nervenarztes António Lobo Antunes in unseren Breiten zu großen Teilen erst in Übersetzung begriffen.

Inzwischen hat der Luchterhand-Verlag in atemloser Jahresfolge einen Romanziegel nach dem anderen in die Regale gewuchtet: ausufernde lusitanische Gesänge, angestimmt in den verfinsterten Köpfen lebensuntüchtiger Großstadtkinder - vielstimmige Suaden aus den Nacht-und Nebelbezirken von Portugals, genauer: von Lissabons verschattetem Glanz.

Nichts kommt in der Gegenwartsliteratur diesem (vorderhand unbetitelten) Romanzyklus gleich: Antunes schreibt in seiner bilderreich orchestrierten, oftmals gewaltsam durch das Öhr verblassender, verlöschender Figuren gefädelten Sprache an nichts Geringerem als einer Comédie humaine unserer Tage. Die dieser Prosa gewaltsam eingeschriebene Zäsur ist die "Nelkenrevolution" von 1974 - Portugals Marsch in die Demokratie, begleitet vom kakofonischen Lärm des blutigen, sinnlosen Kolonialkrieges in Angola.
Der Erstlingsroman Elefantengedächtnis, im Original 1979 erschienen, markiert gleichsam den Aufgesang zu diesem gigantomanischen Werk. Er schildert den deutlich autobiografisch getönten Tag im Leben eines namenlos bleibenden "Psychiaters", der sich aus der Haut seines Lebens heraussehnt - der sich "ganz unten angekommen" wähnt, während er sich doch aus der Monotonie seines Lebens, seiner Ehe, seiner flüchtigen Affären mit schneidender Zähigkeit und stupender Eloquenz herauswühlt.

"Der Arzt" ist ein früher Vertreter in Antunes' Heldengalerie der Neubeginner, die sich auf ihrer Suche nach innerer "Wahrhaftigkeit" förmlich zu zerreißen versuchen. Sie sind metaphysisch irregeleitete Substanzforscher: Sie erkennen im Konkordat der portugiesischen Gesellschaft mit einem modrigen, auf Beharrung und Stabilität gegründeten Katholizismus sozusagen das Krebsübel ihrer scheiternden Existenzen. Sie gewahren - mit Hilfe ihres Erzählers, versteht sich - Zerfallsprozesse in der Mikroskopie der Dinge.

Sie verschenken ihre "gleich schwebende Aufmerksamkeit", wie der Philosoph Jean-Francois Lyotard einmal mit Blick auf das postmoderne Wissen gemeint hat, an Farbflecke, Gerüche, Anomalien - an das bedrohliche Rumpeln von Lissabons Trambahnen ebenso wie an den ätzenden Duft in den Kommoden bigotter Greisinnen. Sie sind zum Erwachsensein förmlich verdonnert. Nur bleibt in der Entwicklung der Entropie, im Chaos der portugiesischen Dinge, für ihre grundsätzlich vernünftigen und "aufgeklärten" Erwägungen kein Platz. Sie kehren den Ekel, der sie verlässlich in "Epiphanien" heimsucht und anfallsweise schüttelt, in einer Art poetischer Beweislastumkehr gegen sich selbst. Sie wären durchaus bereit, sich vom Abfall des überkommenen Ballasts für immer zu trennen. Nur wäre dann von ihnen nichts übriges: kein Fitzelchen, keine Schrift, "nicht eine Spur von ihren Erdentagen".

António Lobo Antunes' Figuren vergehen, zerlaufen wie Tinte - hinterlassen höchstens Abdrücke im Sand wie jener schwächliche, modisch "linke" Bourgeois, der sich am Schluss des Romans Die Vögel kommen zurück zum Sterben an das Ufer eines brackigen Flusses legt. Die Natur verbündet sich mit den Wucherungen einer zwar sterbenskranken, aber noch in ihren Zerfallsprodukten unaustilgbaren "Kultur". Die Marotten der Kolonialherren überleben in den Gebärden siecher Gebetschwestern, in den sympathischen Schweinereien ehemaliger Agenten von "Pide", der vormals allgegenwärtigen Geheimpolizei im Dienste Salazars.

Der so ganz und gar nicht sentimentale Held von Elefantengedächtnis wappnet sein untröstliches Bewusstsein mit einer unverblümten, sozusagen grundlos erheiterten Sprache: Er solle sich gefälligst wie ein Mann aufführen, rät ihm ein Freund anlässlich eines Business-Lunch. Und tatsächlich löst Antunes immer wieder - auch bei der hochbestallten Kritik - Irritationen aus: Wie kann man das ganz gewöhnliche Elend einer leicht reizbaren, in Maßen auch liebenswürdigen Übergangsgesellschaft derart überorchestrieren?
Glanz und Elend liegen also in Antunes' Sprache: Der gelernte Psychiater fertigt aus dem verblassenden Charme einer reifen Dame, die sich dem Helden in einem Casino reichlich plump an den Hals wirft, das Bild eines "Wals aus dem Paläolithikum mit großer gekräuselter Mähne". Er stiftet in einem wahren Rausch der Metaphern Beziehungen zwischen den entlegensten Vorstellungen - und packt portugiesische Bildungsgüter noch obendrauf.

Die Übertragungsleistung beruht in den poetischen Mehrwerten, die bei Antunes wie Späne anfallen - ohne dass der Autor ein drauflosschwätzender Plauderwastl wäre. Aber ein Buchmarkt, dessen Adepten bevorzugt die (plump angelsächsisch gedeutete) "Ökonomie der Erzählweise" preisen, um ihre Ignoranz gegenüber aufwändigeren Verfahren möglichst begriffsschonend zum Ausdruck zu bringen, muss mit Jahrhundertautoren wie Antunes fertig werden: missmutig zwar, und unter Vorenthaltung des Nobelpreises. António Lobo Antunes wird es verkraften.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.10.2004)

Von Ronald Pohl
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António Lobo AntunesElefantengedächtnis  Aus dem Portugiesischen übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann. € 18,-/208 Seiten. Luchterhand, München 2004.
    grafik: luchterhand

    António Lobo Antunes
    Elefantengedächtnis
    Aus dem Portugiesischen übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann.
    € 18,-/208 Seiten.
    Luchterhand,
    München 2004.

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