Mann und Frau

8. Oktober 2004, 23:04
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Die Palästinenserin Sahar Khalifa schickt in "Die Verheißung" einen Versager auf die Suche nach der Wahrheit

Wir schreiben das Jahr 1967, und der Icherzähler Ibrahim aus Sahar Khalifas fünftem ins Deutsche übersetztem Roman Die Verheißung kann - im Gegensatz zum Leser von heute - nicht wissen, dass bald der Sechstagekrieg ausbrechen wird. Voller künstlerischer Ambitionen flieht er vor einer arrangierten Heirat aus Jerusalem aufs Dorf, wo er, selbst Muslim, eine junge Christin mit geheimnisvoller Geschichte kennen lernt. Mariam - "pechschwarzes Haar, weiße Haut, ein schlanker Gazellenhals, die Taille biegsam wie Bambusrohr" - scheint so etwas wie ein gefallenes Mädchen zu sein und fasziniert Ibrahim durch ihre Unbekümmertheit.

Gegen diese Liebe spricht nicht nur die Religionszugehörigkeit, sondern beinahe alles: "ich nur ein verklemmter Pubertierender von zwanzig Jahren, der nichts weiter kannte als seine Träume, seine Bücher, ein armseliges Viertel im Herzen von Jerusalem und der schließlich als Lehrer in einem Dorf gelandet war" und "sie - vier Sprachen, sieben Brüder hinter sieben Meeren in Brasilien und eine neue, mit Exilkapital erbaute Villa". Mariam gesteht Ibrahim, eigentlich einen Priester im fernen Brasilien zu lieben, trotzdem lassen sich die beiden aufeinander ein, und Mariam wird schwanger. Der Kindsvater aber, der sich seiner Vaterschaft eifersüchtigerweise nicht sicher ist, lässt sich vom ausbrechenden Krieg, einem diffusen Freiheitsdrang und Mariams heranrückender Brüderschar in politisches Engagement und schließlich ins Exil treiben, wo er Karriere in einer amerikanischen Ölfirma macht. Dreißig Jahre später begibt sich dieser willensschwache und larmoyante Held - trotz zweier gescheiterter Ehen kinderlos, ergraut und einsam - auf die Suche nach der verflossenen Geliebten und nach der "Wahrheit". Seine Geschichte erzählt er dem Leser im Rückblick - und verzichtet nicht darauf, seinem jugendlichen Ich fortwährend zu erläutern, was es damals noch nicht begriffen und deswegen falsch gemacht hat, wodurch der Roman einen unangenehm didaktischen Touch erhält. Nur spekulieren kann man darüber, was Sahar Khalifa, Jahrgang 1941, die sich selbst nach dreizehnjähriger traditioneller Ehe scheiden ließ, in den USA einen Doktortitel in Women's Studies erwarb und nach ihrer Rückkehr ein Frauenzentrum in Nablus gründete, an dieser Figur, einem Schwächling und Loser auf der ganzen Linie, interessiert hat.

"Wir wollen nicht nur ein befreites Land, wir wollen ein befreites Leben", begründet sie in der kurzen Biografie, die dem Roman hintangestellt ist, ihr frauenpolitisches Interesse. Tatsächlich gelingt es in der Verheißung eher den Frauen als den Männern, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Anders als Ibrahim zerbricht Mariam nicht an dem Leid, das ihr ein unzuverlässiger Geliebter und das Leben zugefügt haben - sondern nimmt sich trotz Kind von Letzterem, was sie bekommen kann, bevor sie sich ins Kloster zurückzieht.

Und schlussendlich wird nicht Ibrahim, sondern Mariam so etwas wie eine Schriftstellerin. Auf einem Dachboden findet Ibrahim ein Romanfragment von ihrer Hand, das er dem Leser referiert - eine der wenigen Stellen, wo man etwas über Mariam erfährt, allerdings wiederum nur durch Ibrahims Bewusstsein, der sich beeilt, daraus zu schließen, dass eben jeder in seiner Geschichte, in seinem Blickwinkel gefangen sei . . . Als Ibrahim die kaum gealterte Mariam gegen Ende des Romans wiederfindet, wirkt sie abgeklärt und lehnt eine Rückkehr sanft, aber bestimmt ab. Auch sein Sohn will nichts mit ihm zu tun haben.

Und die Moral von der Geschicht? Nicht die offensichtlichen Gründe - Religion und Herkunft - standen dem Glück im Weg, Ibrahim war, anders als er geglaubt hat, auch kein "Lückenbüßer" in der Liebe. Mit einer Straßenschlacht vor der Al-Aksa-Moschee endet die Verheißung - den Titel darf man wohl ironisch verstehen - blutig, aber dennoch versöhnlich. Denn Ibrahim wird unter die Fittiche von Frau Dschamila genommen, ehemalige Beschützerin Mariams und Vertreterin eines moderaten Islam, wo moralische Grundsätze an die Stelle der Religion gerückt sind, wo getanzt und wild gefeiert und durchaus auch einmal ein Schlückchen Alkohol konsumiert werden darf.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.10.2004)

Von Kirstin Breitenfellner - Literaturkritikerin und Autorin. Zuletzt erschien ihr Roman "Der Liebhaberreflex" (Skarabaeus Verlag, € 19,-)
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Sahar KhalifaDie Verheißung  Aus dem Arabischen von Regina Karachouli. € 20,50/253 Seiten. Unionsverlag, Zürich 2004.
    foto: unionsverlag

    Sahar Khalifa
    Die Verheißung
    Aus dem Arabischen von Regina Karachouli.
    € 20,50/253 Seiten.
    Unionsverlag,
    Zürich 2004.

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