Eduard von Keyserling: "Wellen"

8. Oktober 2004, 21:30
posten

Der adelige Balte war wie viele Helden der "Dekadenzliteratur" später Nachfahre einer mächtigen Tradition

Die paradoxe Wahrheit, dass ein schwaches Leben starke Literatur hervorbringen kann, ist von der erotisch-galanten Tradition entdeckt und ausgearbeitet worden. In einer Reihe von Büchern, die man dem Fin de Siècle, der Dekadenz, dem literarischen Impressionismus zugeordnet hat, ist dieses Paradox an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert zum Zentrum einer heute vergessenen literarischen Mode geworden.

Mit den Buddenbrooks Thomas Manns, den Musil'schen Verwirrungen des Zöglings Törless, mit Baudelaire, Proust, Stifter, Tschechow und Poe steht das Dekadenzmotiv an der Wiege der literarischen Moderne, eine Erbschaft aus dem Hochmittelalter der Troubadours und Minnesänger.

Der baltische Adlige Eduard von Keyserling, geboren 1855 im Kurland, einer Gegend westlich der lettischen Hauptstadt Riga, war - wie bezeichnenderweise zahlreiche fiktionale Helden der "Dekadenzliteratur" - später Nachfahre einer großen und mächtigen Tradition.

Die Baltendeutschen bildeten noch vor dem Zweiten Weltkrieg einen wichtigen Teil der Oberschicht vor allem Lettlands und Estlands. Sie waren übrig geblieben aus den Eroberungswellen der mittelalterlichen Ostkolonisation. Ihre beträchtlichen Energien jedoch hatten sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts von Politik, Eroberung und Landesausbau auf das Gebiet der Kultur verlagert.

Wellen, ein Spätwerk Keyserlings, erschien 1911 bei S. Fischer. 1998 erlebte eine Neuauflage, im "Literarischen Quartett" hymnisch besprochen, einen großen und überraschenden Erfolg. Dass die psychologische Delikatesse des Romans, sein Humor, die symbolistischen Landschaftsschilderungen, die poetische Stimmung von Verzicht und Resignation zeitgenössische Leser ansprechen, mag zusammenhängen mit der inzwischen fast überwältigenden Stellung Tschechows im Repertoire unserer Theater, überhaupt mit einem Interesse für die Seelenkultur bürgerlicher Individuen, wie es in komplizierten modernen Gesellschaften gedeiht.

"Hilmar blieb zurück, Lolo hatte sich nach ihm umgeschaut, aber hatte nichts gesagt. Er wartete eine Weile, dann ging er ihnen langsam und sinnend nach. Unten im Wäldchen fand er die Birken voll bunter Papierlaternen, vielfarbig sich wiegende Lichter. Klaus reichte Sandwichs umher, trug eine Bowle auf und füllte die Gläser. Hilmar sah sich im Kreise um, ging gerade auf Doralice zu und setzte sich neben sie. Sein Gesicht hatte dabei einen düsteren, eigensinnigen Ausdruck."

In Leben dieser Protagonisten begibt sich nicht viel. Aber Keyserlings Beschreibung dessen, was sie dabei fühlen, können wir seit 1911 nicht vergessen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.10.2004)

Von
Stephan Wackwitz
  • Artikelbild
    foto: cover
Share if you care.