Steter Verlust für die Landwirtschaft

15. Oktober 2004, 11:30
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Boku-Wissenschafter suchen nach Methoden zur Verhinderung beziehungsweise zur Reduktion der Bodenerosion

Rund 0,75 Tonnen Boden pro Hektar gehen in Mitteleuropa jährlich durch Bodenerosion verloren. Verantwortlich dafür sind Wasser, Wind - und Mensch. Prinzipiell versteht man unter Bodenerosion das Ablösen und Verlagern von Boden durch Wasser oder Wind. Dabei entsprechen zehn Tonnen pro Hektar einem Verlust von einem Millimeter. Auf den meisten Flächen tritt das Problem erst im Zuge landwirtschaftlicher Nutzung auf, denn naturbelassene Flächen sind selten so frei von Pflanzen, wie es etwa Äcker vor der Saat sind.

Das Dumme ist, dass die obersten paar Zentimeter eines Bodens über seine Fruchtbarkeit entscheiden, und das sind genau die, die - sofern sie ungeschützt sind - von Wind und Wasser vertragen werden. Davon abgesehen werden mit dem Boden auch Nährstoffe und Pflanzenschutzmittel ausgetragen, die letzten Endes in diversen Gewässern landen und diese massiv belasten. Andreas Klik vom Institut für Hydraulik und landeskulturelle Wasserwirtschaft der Universität für Bodenkultur in Wien beschäftigt sich seit bald 20 Jahren mit den Dynamiken der Bodenerosion durch Wasser. Sein Hauptaugenmerk gilt dabei der Frage, wie sich Schäden am besten verhindern oder zumindest minimieren lassen. Unterstützt wird er dabei vom Wissenschaftsfonds.

Nach langjährigen Versuchen im Labor erheben Klik und seine Mitarbeiter seit 1994 auf drei Versuchsflächen in Niederösterreich - Mistelbach, Pyhra bei St. Pölten und Pixendorf bei Tulln -, wie sich unterschiedliche Bodenbearbeitungsmethoden auf das Erosionsgeschehen auswirken. Denn während Bodenbeschaffenheit, Hangneigung und Niederschlag naturgegebene Einflussgrößen sind, die sich nicht ändern lassen, ist es durchaus nicht egal, wie der Boden bestellt wird.

Messarbeiten

Klik und seine Gruppe messen Oberflächenabfluss, Bodenabtrag, Nährstoff- und Pestizidverluste für drei verschiedene Formen der Bodenbearbeitung: Bei der konventionellen Methode wird im Herbst gepflügt und im Frühjahr mit dem Grubber (das ist eine Art dicker Rechen, der die Erde lockert, aber im Gegensatz zum Pflug nicht wendet) ein sehr feines Saatbeet bereitet, in das schließlich gesät wird. Während der ganzen Zeit, in der die Äcker keine Frucht tragen, ist der Boden schutzlos der Gewalt des Regens ausgesetzt. Bei der konservierenden Bodenbearbeitung wird der Boden im Herbst nur gegrubbert, also nicht gewendet, und während des Winters durch eine Gründecke zum Beispiel aus Senf oder Klee geschützt. Diese Pflanzen werden im Frühjahr tot gespritzt, um der gewünschten Feldfrucht keine Konkurrenz zu machen, dann wird der Boden gelockert und gesät, wobei die Reste der Gründecke liegen bleiben. Die dritte Methode ist die Direktsaat, bei der prinzipiell genauso verfahren wird wie bei der konservierenden Bearbeitung, nur dass die Aussaat ohne Lockerung direkt in die abgetötete Gründecke erfolgt.

Wie Klik und seine Gruppe herausfanden, hat die Form der Bodenbearbeitung massive Auswirkungen auf den Bodenabtrag: Rechnet man die Ergebnisse aller untersuchten Standorte zusammen, ergibt sich für die konventionelle Methode ein mittlerer jährlicher Bodenabtrag von 4,10 Tonnen pro Hektar, für die konservierende von 1,31 und für die Direktsaat von 0,81. Das bedeutet eine Erosionsminderung um 68 beziehungsweise 80 Prozent. Da der Verlust an Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphor direkt mit dem Bodenabtrag zusammenhängt, führte die konservierende Methode zu einer Verringerung des Stickstoff-Austrags um 55 und der Phosphor-Verluste um 73 Prozent (bei Direktsaat waren die Reduktionen sogar noch höher). Das erspart den Bauern Geld und den Gewässern Belastungen.

Beim Oberflächenabfluss - also der Niederschlagsmenge, die der Boden nicht aufnehmen kann und die daher oberflächlich abrinnt - konnten unter natürlichen Umständen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Bearbeitungsmethoden festgestellt werden. Möglicherweise gab es jedoch im Untersuchungszeitraum zu wenige Starkregen, um aussagekräftige Daten zu erheben, denn bei weitem nicht jeder Regenguss verursacht Bodenschäden.

Regensimulator

Nach Kliks Untersuchungen waren drei bis vier extreme Niederschläge auf den Versuchsflächen für 95 Prozent der Erosion der vergangenen zehn Jahre verantwortlich. Um für die Abflussmessungen bei Extrembedingungen nicht auf solche warten zu müssen, setzen die Forscher einen Regensimulator ein. Das ist eine Art großes Zelt mit Wasserdüsen, das im Labor ebenso aufgestellt werden kann wie im Freien und mit dem sich diverseste Regenintensitäten auf Knopfdruck erzeugen lassen.

Solcherart erzeugte Starkregen ergaben auf konventionell bearbeiteten Flächen einen Oberflächenabfluss, der zwei bis drei Mal so hoch war wie bei den bodenschonenden Varianten. Das bedeutet, dass mehr Wasser tiefer in den Boden eindringt und den Pflanzen entsprechend länger zur Verfügung steht. Den Feldern gehen mit dem abgeschwemmten Boden jedoch nicht nur Nährstoffe verloren, sondern auch andere wertvolle Inhaltsstoffe, wie organischer Kohlenstoff (Humus). Dieser spielt eine wesentliche Rolle für die Fruchtbarkeit des Bodens, seine Wasserspeicherkapazität und seine Fähigkeit, Giftstoffe zu neutralisieren. Im langjährigen Mittel ergaben sich auf den Versuchsflächen bei konventioneller Bewirtschaftung jährliche Humus-Verluste von 52,1 Kilogramm pro Hektar, bei konservierender 14,2 und bei Direktsaat 13,1.

Bodenschonende Bewirtschaftung schützt nicht nur die Umwelt, sondern auch unser aller Brieftasche: Es gibt Schätzungen, wonach die Produktionskosten in der Landwirtschaft in Folge von Bodenerosion - alle Faktoren eingerechnet - um rund 25 Prozent pro Jahr steigen. Über alle landwirtschaftlichen Nutzflächen gemittelt, ergibt das jährliche Kosten von rund 85 Euro pro Hektar Ackerland.

Insgesamt könnten sanfte Methoden der Bodenbearbeitung die Erosion um bis zu 90 Prozent reduzieren. Nichtsdestoweniger werden die meisten Anbauflächen in Österreich konventionell bewirtschaftet. Die gute Zusammenarbeit zwischen Boku und den landwirtschaftlichen Fachschulen im Rahmen von Kliks Forschung könnte das jedoch in Zukunft ändern. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 9.-10.10.2004)

  • Artikelbild
    derstandard.at
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