"Die Frage ist, was uns sicherer macht"

10. Oktober 2004, 16:59
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Friedensnobelpreis­trägerin Jody Williams startet eine multilaterale Initiative für Abrüstung und menschliche Sicherheit

Jody Williams, zurzeit in Wien als Gast der Österreich-Kampagne für Landminenopfer, startet eine multilaterale Initiative für Abrüstung und menschliche Sicherheit. Michael Freund sprach mit der US-Aktivistin über feindliche Thinktanks und sympathisierende Militärs.

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STANDARD: Sie sind spätestens seit Ihrem Friedensnobelpreis 1997 als Anti-Landminenaktivistin weltweit bekannt. Wie kommt es zu Ihrem nunmehrigen Engagement für das Thema "menschliche Sicherheit"?
Jody Williams: Das Thema hat durch die Ban-the-Landmines-Bewegung nur neuen Impetus erhalten durch die erfolgreiche Zusammenarbeit von Regierungen, NGOs und der Zivilgesellschaft. Die Frage ist, was uns weltweit wirklich sicherer macht. Zwar muss manchmal Gewalt angewendet werden, damit man sich eines unmittelbaren Terrors erwehrt. Doch Sicherheit ist viel komplexer als der Bau einer noch größeren Bombe.

Ich war gerade auf einer Menschenrechtskonferenz in der Türkei, mit 500 Teilnehmern aus 80 Ländern. Mein Eindruck ist, dass man noch zu sehr auf Bürgerrechte fixiert ist. Es sollte aber auch um grundlegende sozioökonomische Rechte gehen. Wenn die grundsätzlichen Bedürfnisse nicht befriedigt werden können, wenn zwei Milliarden Menschen kein sauberes Trinkwasser haben - wenn das nicht schon allein aus "aufgeklärtem Eigeninteresse" von den wohlhabenden Nationen und Unternehmen geändert wird, dann wird es keine Sicherheit geben.

STANDARD: Apropos Menschenrechte, da war die Türkei ja gerade jetzt ein interessanter Tagungsort.
Jody Williams: Es war faszinierend. Diese Konferenz wurde ja schon vor Jahren geplant, aber nun kam das EU-Thema dazu. Daraufhin hielt nun der türkische Premier die Eröffnungs-und die Abschlussrede - das hätte er sonst nie getan. Und er hat wirklich zum Thema geredet und gemeint, dass alle Menschenrechtsorganisationen mit ihm reden könnten. Die sagten, dass sie ihn beim Wort nehmen werden.

STANDARD: Die Globalisierungsbewegung und der Irakkrieg sind für Sie Referenzen für das Human-Security-Movement. Wie kann eine konkrete Strategie aussehen?
Jody Williams: Man kann die Regierungen erst zum Handeln bringen, wenn eine kritische Masse an Menschen das Thema begriffen hat. Auch für mich ist das neu.

STANDARD: Wo sind Ihre Verbündeten?
Jody Williams: Nach der Türkei war ich auf einem Treffen in Montreux vor rund 500 Teilnehmern, aber ganz anderen: Militär- und Terrorismusexperten, Regierungsleuten etc. Ich war mit Hans Blix Keynote Speaker. Ich sprach vom negativen Beispiel Irak und über Alternativen, über ein umfassenderes Denken. "Die Herzen der Leute zu gewinnen", das ist ja das Gegenteil von dem, was im Irak passiert.

Das Erstaunlichste war die Reaktion der Militärs. Sie dankten mir für die Rede, fragten nach den Konsequenzen der amerikanischen Aktionen. Ein hoher US-Militär aus dem Nato-Hauptquartier sprach privat mit mir, er sagte: "Au, das hat wehgetan! Aber alles, was Sie gesagt haben, stimmt." Er sieht, dass die Pentagon-Offiziere heute in Europa niemanden überzeugen können, nach dem, was die "ungebremste Arroganz" - so nannte er es wörtlich - der US-Regierung angerichtet hat. Das haue ihn um, aber er könne nichts tun, er müsse Befehlen gehorchen.

Feindselig mir gegenüber waren nicht die Militärs, sondern die Rand-Corporation-Typen, die Thinktanks. Die haben natürlich ihr eigenes Interesse an der üblichen Form der Terrorismusbekämpfung. Dazu gehört, die Terroristen prinzipiell als irrational hinzustellen - was sie nicht sind, wenn man ihre Geschichte, ihre Ziele und die ihnen nicht vorhandenen Alternativen berücksichtigt. So wie man nicht von einem "Krieg gegen Terror" reden dürfte - das ist kein Krieg im klassischen Sinn, und wenn man ihn so nennt, dann schränkt das die Handlungsmöglichkeiten ein. Wir in den USA haben den Krieg gegen Armut, gegen Drogen: Das ist alles lächerlich angesichts der tatsächlichen Verhältnisse.

STANDARD: Wo steht die Anti-Landminenbewegung sieben Wochen vor der großen Konferenz in Nairobi?
Jody Williams: Das Wichtige ist, dass alle daran arbeiten, wie es mit dem Vertrag zum Abbau und Zerstörung der Minen, einem der wenigen erfolgreichen weltweit, weitergehen wird. Es ist vielleicht nur ein kleiner Vertrag, aber er hat - mit Österreich und dem Botschafter Wolfgang Petritsch an vorderster Front - vielen die Hoffnung gegeben, dass auch andere Themen in Angriff genommen werden können.

Und so klein ist der Vertrag ja auch nicht. Es geht nicht um die nächste Generation von atomaren Waffen, die die USA gerade entwickeln, doch es geht um eine Waffenart, die täglich Menschen verstümmelt und tötet und vor der Millionen in Angst leben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.10. 2004)

  • Friedens­nobelpreisträgerin 1997 und Botschafterin der Kampagne gegen Landminen Jody Williams
    Friedens­nobelpreisträgerin 1997 und Botschafterin der Kampagne gegen Landminen Jody Williams
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