Im Land der grünen Türen

25. Mai 2005, 11:19
3 Postings

Der einstige "Schurkenstaat" Libyen öffnet sich für den Tourismus. Blair und Berlusconi waren da, Urlaubsgäste sollen folgen

Der Revolutionsführer erkennt die Zeichen der Zeit. Frühe Libyen-Reisende erzählen, dass 1969, nach seiner Machtübernahme, im Zuge der Antiimperialisierung, alle lateinischen Inschriften verschwanden - inklusive der "Departure"-Schilder am Flughafen. Selbst Cafébesitzer kratzten das Logo "Coca-Cola" aus den Aschenbechern. 35 Jahre später, in Zeiten der Islamisierung, geht der Weg zurück: Coca-Cola ist willkommen, Blair und Berlusconi ebenfalls.

Tripolis wächst aus dem Sand. Westlich und östlich des Stadtkerns herrscht halbindustrielle Einöde, drinnen drängen sich arabische Gässchen. Doch es erhebt sich kein Marktgeschrei, kein Come-visit-my-shop: Die Geschäftsleute glänzen durch eine ganz unarabische (und deshalb vielleicht umso arabischere) Zurückhaltung, das Angebot zum Teetrinken impliziert keinen Folgekauf.

Im Innenstadtcafé "Fethy" treffen sich die Männer zu kühlem Nussfrappé und gefüllten Croissants. "Das Erdöl macht uns zum reichsten Land Afrikas, aber wir importieren nur", klagt Ali, Besitzer der libyschen Spielart eines Ein-Euro-Shops. "Ich sage den Kollegen, entfernt doch das blöde ,Made in China' mit Schmirgelpapier! Bei Touristen kommt das nicht so gut."

Doch niemand kommt wegen der Souvenirqualität nach Tripolis - die 1,7-Millionen-Stadt beeindruckt zunächst durch die schiere Anzahl grüner Türen und grüner Fenster, Farbe des Propheten, als Tupfer auf meditativ weißer Hintergrundfolie. In der Neustadt steckt der Verkehr zwischen den angeschlagenen Vittorio-Emanuele-Gebäuden, dem einzigen Großartigen, was vom blutigsten Kapitel italienischer Kolonialgeschichte (1911-1943) mit einem von der Weltöffentlichkeit weit gehend ignorierten Völkermord (100.000 Opfer) blieb.

Bis vor kurzem galt Libyen als beschränkt bereisbarer Schurkenstaat. Die Volksrepublik ("Jamahiriya") ging ihren Sonderweg, der Revolutionsführer hat in seinem "Grünen Buch" (1974) ein System an Merksätzen entworfen, von denen er nun abzuweichen geruht: "Das Grüne Buch macht die Menschen mit der glücklichen Entdeckung des Weges zur direkten Demokratie bekannt", denn fest steht: "Die tyrannischsten Diktaturen existieren im Schatten der Parlamente."

Als vergangenen Winter Schlagzeilen um die Welt gingen, der Revolutionsführer rüste einseitig ab, jubelte der Westen. Man empfand den Rückzieher als Resultat des "gewonnenen" US-Kriegs im Irak, es hieß, der eine Schurke habe Angst bekommen, ihn könne das Schicksal des anderen ereilen. In Wirklichkeit ist der Revolutionsführer in der arabischen Welt isoliert. In der eigenen Bevölkerung stößt die Abrüstungsaktion teilweise auf Unverständnis.

"Wir haben seit 30 Jahren im Glauben gelebt, die Militarisierung sei unerlässlich, um die palästinensischen Brüder zu befreien", erklärt Ali. "Plötzlich ist keine Rede mehr von denen." Stattdessen redet man von Fremdenverkehr, 1800 Kilometer unerschlossener Küste als Hoffnungsgebiet. Omar Al-Taief, Tourismusminister aus dem Clan des Revolutionsführers: "Heute kommt jährlich eine halbe Million Besucher, wir möchten uns auf zehn Millionen steigern."

Die Sehenswürdigkeiten vor der Haustür: 80 Kilometer westlich von Tripolis liegt Sabratha, einst Umschlagplatz für Großtiere und Elfenbein, 100 Kilometer östlich erheben sich die Ruinen von Leptis Magna, unter Augustus ausgebaute römische Modellstadt.

Zum All-inclusive-Paradies fehlt neben der Infrastruktur auch der Alkohol. Lange war der Verkauf streng verboten, lange wurde, wie die Libyen-Spezialistin Romana Kanzian im Profil schreibt, "alles verkauft, was bezahlt werden kann. Afrikanische Botschaftsangestellte verdienen sich ein einträgliches Zubrot, wenn sie einen Teil ihrer monatlichen Alkoholvolumina auf den Schwarzmarkt bringen."

Das könnte sich ändern, seit Libyen 2003 einen Vertrag mit Heineken abgeschlossen hat. Derart weit reichende Entscheidungen trifft traditionell der Volkskongress, durch ihn ist laut den Schriften des Revolutionsführers "das Problem des Regierungsinstruments gelöst (. . .), die Massen regieren sich selbst, und damit ist das Demokratieproblem abschließend gelöst".

Die meisten Teile Libyens benötigen indes keine Demokratie: Das Land, 22-mal Österreich, ist hauptsächlich Wüste. Im Südwesten, am Acacus-Gebirge, liegt die Kleinstadt Ghat, Oase mit zweitausendjähriger Altstadt und einem außergewöhnlichen Event: dem jährlichen Tuareg-Festival Ende Dezember. Hier wird nicht Touristen etwas vorgetanzt - es gibt kaum welche -, sondern lebendige Folklore praktiziert. Höhepunkt: das Kamelrennen vom 15 Kilometer entfernten Flughafen bis zu einer weiß gesprayten Ziellinie auf einer Sandfläche an den Dünen Ghats.

Seit Blair, Berlusconi und hochrangige US-Diplomaten hier waren, steht Libyen im Umbruch. Aufsehen erregte jüngst die (gescheiterte) Bewerbung für die Fußball-WM 2010. Ein erstaunliches Projekt, denn 1974 schrieb der Revolutionsführer noch: "Die Tausenden, die die Stadien füllen, um zu schauen, zu applaudieren und zu lachen, sind dumme Menschen, die diese Aktivität nicht selbst ausüben." (Der Standard/rondo/8/10/2004)

Von Martin Amanshauser

*>Geb. 1968, Autor, amanshauser. Zuletzt: "Chicken Christl", Roman, Deuticke Verlag 2004.
Info:
Der Autor flog mit Libyan Arab Airlinies.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Ruinen von Leptis Magna

Share if you care.