Reisen als politischer Akt

19. Oktober 2004, 13:24
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Die arabische Welt war Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse. Denn: Der Orient hat ein Imageproblem. Über das Reisen in islamische Länder ...

Die arabische Welt war Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse. Denn: Der Orient hat ein Imageproblem. Über das Reisen in islamische Länder nach 9/11 sprach Tanja Paar mit Walter M. Weiss


Der Autor Walter M. Weiss bereist seit Jahrzehnten die arabisch-islamische Welt und publizierte seine Erfahrungen in zahlreichen Büchern, Essays, Reportagen und literarischen Anthologien.

DER STANDARD: Sie sind seit mehr als 20 Jahren auf Recherche in arabischen Ländern unterwegs. Inwiefern haben die Terrorangst nach 9 / 11 und der Irakkrieg Ihr Reiseverhalten verändert?
Walter M. Weiss: Ich bin sicher kein naiver Schönredner, aber ich habe immer wieder erlebt, dass das Bild, das die Medien zeichnen, übertrieben ist. Ich war zum Beispiel zwei Monate nach den Anschlägen von Luxor 1997 in Oberägypten unterwegs, und da drohte überhaupt keine Gefahr - d.h. nicht mehr, als das grundsätzlich bei Überlandfahrten in Taxis auf schlechten Straßen der Fall ist.

DER STANDARD: Wie kommt es, dass anscheinend gewisse arabische Länder in der allgemeinen Wahrnehmung als weniger gefährlich eingestuft werden als andere? Ägypten z.B. boomt.
Weiss: Grundsätzlich finde ich es gut, dass nicht der gesamte arabische Raum in einen Topf geworfen wird, auch wenn manche Länder falsch eingeschätzt werden. Syrien z. B. liegt wegen der 2. Intifada völlig zu Unrecht touristisch brach. Auch der Iran ist touristisch so im Out, dass mein seit eineinhalb Jahren fix und fertiges Iran-Buch bei DuMont bis auf weiteres nicht erscheint.

DER STANDARD: Soeben ist in den Picus-Lesereisen Ihr neues Buch "Im Labyrinth der Träume und Basare. Marokkanische Mosaiksteine" erschienen. Darin schreiben Sie u.a., dass die Anschläge von Casablanca so etwas wie der 11. September Marokkos waren.
Weiss: Wie schon zuvor in Ägypten, Bali, Kenia und Tunesien zielten auch in Casablanca die Selbstmordattentäter auf eine tragende Säule der Wirtschaft: den Tourismus. Objektiv ist Marokko so gefahrlos zu bereisen wie eh und je, das eigentliche Dilemma liegt in der unterschwelligen Angst ahnungsloser Urlauber. Der Orient leidet da unter einem Imageproblem.

DER STANDARD: Nun ist die arabische Welt derzeit Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse. Bringt das denn überhaupt etwas für das angeschlagene Image?
Weiss: Grundsätzlich schon. Es gab ja wirklich ein Manko in der Wahrnehmung der islamischen Welt: ein Hegemoniegefälle, auch wissenstransferisch. Erst durch die politischen Ereignisse der vergangenen Jahre mussten sich die Fachleute zunehmend der Öffentlichkeit stellen. Und das ist gut so.

DER STANDARD: Sie fungieren derzeit als Autor einer deutsch-kanadischen Koproduktion für einen Imax-Film zum Thema "Islam". Ist das nicht ein ungewöhnliches Thema für das Abenteuergroßformat?
Weiss: Das stimmt. Bisher wurden v.a. Wildlife und opulente Landschaften gezeigt, aber das ist bald ausgereizt. Der Islam wird der erste Teil einer fünfteiligen Serie über die Weltreligionen.

DER STANDARD: Ein sehr komplexes Thema für so ein Format . . .
Weiss: Ja, eine Weltreligion in 38 Minuten, das ist schon eine Herausforderung. Anhand einer fiktiven Biografie eines halbwüchsigen, mit islamistischer Gewalt konfrontierten Mädchens, das in der Folge den friedlichen "Islam des Herzens" kennen lernt, sollen wenigstens die schlimmsten Vorurteile der Zuschauer hinterfragt werden. (Der Standard/rondo/8/10/2004)

Der Imax-Film zum Islam läuft in Österreich im Herbst 2005 an. Infos zu den Publikationen des Autors: www.wmweiss.com
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