Sondierkunst im Terrain der Täter

19. Oktober 2006, 19:53
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Literarische Würdigung von Elfriede Jelineks Sprachkunst und ihrem Werk

Mit der überraschenden Wahl von Elfriede Jelinek zur Literaturnobelpreisträgerin 2004 wird das komplexe Werk einer an ihrer Heimat Österreich leidenden Autorin auch international hoch geehrt: Es ist der erste Literaturnobelpreis für eine österreichische Autorin.


Stockholm - So können Vorhersagen eintreffen und dennoch überraschen: Der Nobelpreis ging diesmal, wie von Auguren prophezeit, an eine Frau - Elfriede Jelineks Name war aber im Vorfeld nicht genannt worden, wogegen man Friederike Mayröcker immerhin Außenseiterchancen zugebilligt hatte. Nun also, quasi aus heiterem Stockholmer Himmel, der erste Literaturnobelpreis "für Österreich" seit der Kür von Elias Canetti 1981, der zweite insgesamt.

Ihn erhält eine Schriftstellerin, die wie keine andere Gesellschaftskritik in Sprachkunst umgeschmiedet hat. Und zugleich eine, die sich in einem jahrzehntelangen, wütend-verzweifelten Abwehrkampf gegen ihr Land abgeplagt, die Österreich zwar nicht verlassen, aber sich längst in einer Art innere Emigration zurückgezogen hat.

Zweimal schon hat Elfriede Jelinek ein Aufführungsverbot für ihre Stücke für Österreich verhängt, 1996 im Gefolge des Ressentiment-getragenen FPÖ-Wahlkampfs und nach der Regierungsbeteiligung der FPÖ 2000. Dazwischen lag die Maßstäbe setzende Realisierung von Ein Sportstück durch Einar Schleef am Burgtheater.

"Blume im Knopfloch"

Mittlerweile hat die Autorin sich selbstkritisch über den Sinn der Strafmaßnahme geäußert und sie ein zweites Mal sistiert. Dass aber der Staat, dessen Pass sie innehat, mit ihrem Preis "als Blume im Knopfloch" paradieren könnte, dagegen hat sie sich sogleich nach der Verkündigung gewehrt, wohl wissend, dass der Liebe Österreichs noch keine(r) entgangen ist.

Von ihrem ersten Roman "wir sind lockvögel baby" (1970), einer Parodie auf triviale Sujets in Collageform, bis zu ihrem jüngsten, im Vorjahr im Akademietheater uraufgeführten Theaterstück "Das Werk", in dem sie den Wiederaufbaumythos vom Kraftwerk Kaprun mit der Brandkatastrophe der örtlichen Gletscherbahn verknüpft, hat Jelinek in bester heimischer Satire-Tradition Sprachfunde gemacht, verwertet, alchemistisch verwandelt. In der Schärfe des Blicks, im Furor der Empörung, im Rasenden ihrer Komik steht sie dem Autor der "Letzten Tage der Menschheit" um nichts nach. Wie Karl Kraus sieht sie in den Medien nicht bloß die Boten, sondern die Beförderer der Endzeit.

In den Phrasen des Boulevards wird der Krieg geführt, der für Jelinek niemals aufgehört hat, obwohl man hierzulande vollauf damit beschäftigt war, ihn vergessen zu machen. So wie sie aber auch in ihrer Bildlichkeit gnadenlos das Erhabene mit dem Kalauer verrührt, so sucht sie das Wortvergehen nicht nur unten, sondern genauso ganz oben, bei den Geistesgrößen, bei Hölderlin und Fichte, Hegel und Heidegger: Im Titel ihres Stücks "Wolken.Heim" fehlt der Kuckuck, der darin allenthalben laut aus dem deutschen Wald ruft.

Die Tautologie der Selbstbehauptung ist keine austriakische Erfindung: "Wir sind wir" und "Wir sind bei uns" raunt es aus der deutschen Geistesgeschichte. Ein Jahr vor der Wiedervereinigung lässt die Österreicherin die mächtige deutsche Selbstberauschung bis hin zur RAF einen Schwanengesang anstimmen. Jelinek, lange Zeit KPÖ-Mitglied, hörte stets auch auf dem linken Ohr sehr gut.

Immer hat die Virtuosin der Umschreibung Wert darauf gelegt, dass auch der sarkastische Kommentar seinen Beitrag zum Realismus leistet: Der Roman "Lust", der 1989 aufgrund eines Irrtums der Rezeption zum Besteller wurde, lässt sich durchaus als realistische Erfassung einer Geschlechts- und Klassenkonstellation im spätbürgerlichen Zeitalter verstehen. "Richtige" Pornographie ist das nicht, was sich zwischen dem Herrn Fabrikanten und seiner Frau Gerti abspielt. Jelinek hat vielmehr einen Antiporno geschrieben, einen literarischen Koitus ohne einschlägige "Stellen".

In "Lust" erklärt sie den gebräuchlichen Formen, in denen über Sexualität geschrieben wird, den Krieg, sie besetzt das Terrain und pflanzt ihren eigenen Flaggenmast auf, der einem Phallus verflixt ähnlich schaut. Von Anfang an hat Jelinek in ihrem Werk den Mann als verheerendes Wesen gesehen und die Geschichte der Frau als eine der Verstümmelung. In dem Stück "Clara S." wird das an der Gestalt Clara Schumanns vorgeführt, in "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte ..." bekommt das Ibsensche Drama alles andere als ein Happy end: Das Scheitern der Frau ist in ihrem Ausbruchsversuch inkludiert, wenn sie das Aufbegehren aber gar nicht probiert, hat sie zum Schaden auch noch den Spott ihrer Schöpferin: "Dies Frau hat schon seit Jahren ihren Rückwärtsgang ins Buch des Lebens eingelegt, was erwartet sie noch", heißt es in "Lust". Mitleid kennt Jelinek nicht, weibliche Kollaboration wird von ihr nicht milder geahndet als männliche Täterschaft.

Elfriede Jelineks bekanntestes Werk ist zugleich ihr - im landläufigen Sinn - realistischstes und zugleich dasjenige, dem sie selbst autobiografische Züge attestiert hat. Der Roman "Die Klavierspielerin", von Michael Haneke 2001 kongenial verfilmt, beweist, dass Jelineks Radikalität vor dem Intimsten nicht Halt macht. Die Geschichte einer dämonisch-dominanten Mutter und ihrer musikalisch begabten, aber emotional erstarrten Tochter, die einen durch und durch gesunden jungen Mann mit ihrer komplizierten Sexualität überfordert und reizt, führt tief in die Abgründe von Selbstverletzung und masochistischer Fantasie.

"Absolute Perversion"

Jelinek hat in einem Interview einmal von der "absoluten Perversion" gesprochen, die darin liege, dass sie, deren literarisches Anliegen die Demontage sämtlicher Mythen sei, für ihre eigene Person, ohne es zu wollen, einen Mythos erzeugt habe: "Alle, die glauben, sie wüssten etwas über mich, wissen nichts."

Wer wissen will, warum sie den Nobelpreis bekommen hat, der sollte vielleicht ihr Opus magnum "Die Kinder der Toten" lesen, eine grässlich komische Gespenstergeschichte, mit der Jelinek der Umgebung ihres Geburtsortes Mürzzuschlag ein literarisches Denkmal gesetzt hat, das Fremdenverkehrzuständige nicht unbedingt freuen dürfte, weil es einmal mehr an der schön polierten Oberfläche der Sport-und Freizeitwelt kratzt und die Natur selbst zum Täter macht: Da verunfallen die Urlauber, die Berge kreißen und speien die untoten Toten dieses Landes wieder aus, als im Showdown eine gewaltige Mure herabdonnert: "So hat der Urlauber es sich nicht vorgestellt. Dass er, lüstern, begeistert, einem Verhältnis zur Natur auf der Spur, nicht sie, diese Umgebung betrachtet, sondern dass vielmehr sie auf ihn fliegt!"

Jelinek hat den Nobelpreis just zu einem Zeitpunkt bekommen, da sich im deutschen Feuilleton erste Anzeichen der Enervierung angesichts ihres Oeuvres bemerkbar machten und auch hierzulande über die internationale Bedeutung einer so auf nationale Schmerzen fixierten Autorin laut nachgedacht wurde. Nun wird das so schwierige Geschäft der Jelinek-Übersetzung neue Impulse bekommen. "Aber nun rastet eine Weile!", heißt es am Ende der atemlosen Anstrengung von Lust. O nein, jetzt geht es erst los!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.10.2004)

Von Daniela Strigl
  • "Alle, die glauben, sie wüssten etwas über mich, wissen nichts": Elfriede Jelinek, Literatur- Nobelpreisträgerin
    foto: standard / matthias cremer

    "Alle, die glauben, sie wüssten etwas über mich, wissen nichts": Elfriede Jelinek, Literatur- Nobelpreisträgerin

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