"Ich werde weiter untertauchen"

19. Oktober 2006, 19:53
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Elfriede Jelinek erfuhr vom Nobelpreis in ihrer Penzinger Wohnung - ein erstes Kurz-Interview

STANDARD: Sie werden gewiss gerade mit Gratulationen von allen Seiten reich bedacht ...

Jelinek: Hier bricht gerade die Hölle aus!

STANDARD: An unsere herzlichen Glückwünsche möchte ich die Frage anfügen, ob Sie zur Verleihung nach Stockholm am 10. Dezember reisen werden?

Jelinek: Nein, ich fahre ganz gewiss nicht nach Stockholm. Statt meiner wird Corinna Brocher, die Chefin des Rowohlt Theater Verlages, den Preis in Empfang nehmen. Für meine Entscheidung sind ausschließlich persönliche Gründe maßgeblich: Ich kann es im Moment einfach nicht ertragen, angeschaut zu werden. Anders gesagt: Ich bin im Moment gar nicht in der Lage, mein zurückgezogenes Leben aufzugeben.

STANDARD: Versuche, Ihre Auszeichnung für den Staat und die heimische Öffentlichkeit zu reklamieren, werden gewiss nicht ausbleiben. Wie begegnen Sie dieser Gefahr?

Jelinek: Man muss diese Form von "Öffentlichkeit" ganz einfach zurückdrängen – am besten schon, bevor sie ihre Ansprüche geltend macht. Denn natürlich wird man versuchen, mich an das Revers zu heften. Ich muss mich nur leider damit beschäftigen, Menschenmengen einzudämmen – was ja nicht heißt, dass ich den Nobelpreis nicht als ganz große Ehre betrachte. Ich bin jetzt in meiner Wiener Wohnung und werde noch weiter untertauchen. Ich weiß nur noch nicht, wie.

STANDARD: Woran arbeiten Sie zurzeit?

Jelinek: Ich übersetze nach Bunbury mit Karin Rausch zusammen gerade Oscar Wildes Idealen Gatten – aber so, dass es eher ein Jelinekscher Idealer Gatte wird.
(DER STANDARD, Printausgabe vom 7.10.2004)

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