"Wir müssen die Notbremse ziehen "

19. Februar 2005, 15:00
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Das Institut für Publizistik an der Uni Wien betreut ab sofort keine neuen Diplomanden mehr. Grund: Personal- und Platzmangel und gebrochene Versprechen des Rektorats

Der Schock bei den StudentInnen des Publizistikinstitutes an der Uni Wien sitzt tief. Der Aushang, der seit dem ersten Oktober auf der Homepage und im Institutsgebäude kursiert, spricht eine deutliche Sprache: "Wir haben uns zu einem Schritt der Selbsthilfe entschlossen: Ab sofort werden keine neuen Anmeldungen für Diplomarbeitsthemen mehr angenommen. Diese Regelung gilt solange, bis jene räumlichen und personellen Voraussetzungen gewährleistet sind, die eine Wiederaufnahme der Betreuungen von Diplomarbeiten möglich machen". Gezeichnet: Institutsvorstand Prof. Wolfgang Langenbucher.

Gebrochene Versprechen

"Wir müssen die Notbremse ziehen", erklärt Langenbucher im Gespräch mit derStandard.at/Uni, "das hätten wir eigentlich schon viel früher tun sollen". Grund für die drastische Maßnahme sei das nicht eingehaltene Versprechen des Rektorates, mindestens zwei befristete Professuren zur Verfügung zu stellen. Durch die Einführung des neuen Bakkalaureatsstudiums und die ständig steigenden StudentInnenzahlen sei die räumliche und personelle Situation an der Publizistik für alle Beteiligten untragbar geworden.

Keine Zeit für Forschung

Nur fünf ordentliche Professoren betreuen jeweils etwa 50 oder mehr Diplomarbeiten jährlich, 600 Anmeldungen eines Themas sind im Studienjahr 2003/04 anhängig. "Hätten wir nicht viele engagierte Lehrende, die unter Einsatz ihrer persönlichen Freizeit arbeiten, wäre die Situation schon längst eskaliert", so Langenbucher. "Unter diesen Umständen ist natürlich auch keinerlei Forschung mehr möglich, was das Rektorat uns dann wiederum vorwirft." Darüber hinaus ist die räumliche Situation am Institut derart beengt, dass nicht einmal alle Professoren einen eigenen Schreibtisch haben.

Krisenplan

"Die Universitätsleitung hat unsere wiederholten Forderungen einfach nicht zur Kenntnis genommen", berichtet Langenbucher. Im August wurde ein "Gentlemen's Agreement" zwischen Rektorat und Institut geschlossen, mit den katastrophalen Zuständen nicht mehr an die mediale Öffentlichkeit zu gehen. Als Gegenleistung sollten als "Krisenplan" zumindest zwei auf zwei Jahre befristete Professuren sofort zur Verfügung gestellt werden. "Da das Rektorat diese Zusage nicht eingehalten hat, sehen wir uns gezwungen, diese Vereinbarung ebenfalls zu brechen", erklärt Langenbucher das Tätigwerden des Institutes.

Zwischen Wut und Verständnis

"Ich schwanke irgendwo zwischen Wutanfall und Verständnis für das Publizistikinstitut", erzählt die Studentin Lena Presker, die in diesem Semester ihr Diplomarbeitsthema einreichen wollte. "Ich habe alle nötigen Lehrveranstaltungen belegt, mir ein Thema für die Arbeit ausgedacht und jetzt das", klagt sie. "Ich finde es arg, dass sich das Institut zu so einem Schritt entschlossen hat, aber irgendwie kann ich es auch verstehen."

Todesstoß

Nicht ganz so verständnisvoll wie seine Kollegin ist Martin Lichtmannswerder, ebenso wie Lena im zehnten Semester seines Publizistikstudiums. "Ich versuche seit einem Jahr mein Studium abzuschließen, und es gelingt mir nicht, weil ich in keines der nötigen Seminare hineinkomme", erzählt er. "Dass ich jetzt auch noch meine Diplomarbeit nicht anmelden kann, ist der Todesstoß". Zusätzlich zu seinem Ärger kommt auch noch die Angst, keine Familienbeihilfe mehr zu bekommen.

Auswegslose Situation

Axel Maireder von der Studienrichtungsvertretung Publizistik versteht die Ängste der StudentInnen, kann sich aber auch in die, wie er sagt "auswegslose" Situation des Institutes hineinversetzen. "Wenn einzelne Professoren 100 Diplomarbeiten bearbeiten müssen, ist keine annehmbare Betreuungssituation mehr gegeben". Kritik übt Maireder aber an der Vorgehensweise des Institutes, nicht bei den Studienbeginnern sondern bei den StudentInnen in der Abschlussphase zu kürzen. "Wenn eine solche Maßnahme wirklich nötig ist, wäre es besser, keine neuen Studierenden aufzunehmen, als zu verhindern, dass Leute ihr Studium abschließen", betont er.

Situation entschärfen

Von der Entscheidung selbst habe die Studienrichtungsvertretung erst drei Stunden vor Bekanntgabe des Diplomarbeits-Stops erfahren. "Wir können jetzt nur hoffen, dass das Rektorat so rasch wie möglich die zugesicherten Maßnahmen ergreift, um die personelle und räumliche Situation am Institut zu entschärfen", so Maireder.

Niemand steht im Regen

Dasselbe fordert auch Institutsvorstand Langenbucher, dem die betroffenen StudentInnen leid tun. "Wir werden mit Sicherheit niemanden im Regen stehen lassen, aber die Maßnahmen sind nötig, um die Universitätsleitung endlich zum Handeln zu zwingen", erklärt er. Seinen StudentInnen rät Langenbucher, für ihre Rechte auch zu Protestmaßnahmen zu greifen und ihren Unmut bei der Universitätsleitung deutlich zu artikulieren. "Lasst die Verantwortlichen wissen, mit welchen Problemen ihr zu kämpfen habt". (az)

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