Die Agenturmeldung zur Bekanntgabe der Schwedischen Akademie - Bisherige Resonanz: Über 800 Postings
Stockholm/Wien - Der diesjährige Literatur-Nobelpreis geht an die
österreichische Autorin Elfriede Jelinek (57),
gab die Königlich
Schwedische Akademie der Wissenschaften am Donnerstag, 7.10., 13:00 Uhr, bekannt.
Elfriede Jelinek hat im schwedischen Rundfunk die Entgegennahme des Literatur-Nobelpreises als
"überraschende und große Ehre" bezeichnet; sie selbst werde zur Verleihung am 10. Dezember
nicht nach Stockholm kommen. "Ich kann mich im Moment Menschen nicht
aussetzen", sagte die Autorin und meinte weiter, sie betrachte den
Nobelpreis nicht "als Blume im Knopfloch für Österreich".
In einem Interview mit der Austria Presse Agentur äußert sie
"mehr Verzweiflung als Freude über Nobelpreis" und "böse Ahnungen", dass dieser eine Belastung darstellen werde - in voller Länge hier zu lesen .
Begründung der Akademie
Jelinek werde für "den
musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und
Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die
Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen",
ausgezeichnet, hieß es in der Begründung der Königlich Schwedischen
Akademie der Wissenschaften - zu lesen auf der
offiziellen Webseite nobelprize.org.
Die Natur ihrer Texte ist oftmals "schwer zu definieren", hieß es ebendort: Sie "bewegen sich zwischen Prosa und
Poesie, Gesängen und Hymnen" und enthalten theatralische Szenen und
filmische Sequenzen. Das Hauptgewicht ihres Werkes habe sich von der
Novelle auf die Dramatik verlagert.
Der Sprecher der SAkademie, der
Stockholmer Publizist Per Wästberg, hat die Vergabe des
Preises als
"wunderbar" eingestuft. Wästberg sagte unmittelbar nach der
Bekanntgabe am Donnerstag: "Sie ist eine Autorin, die mit ihrem Zorn
und mit Leidenschaft ihre Leser in den Grundfesten erschüttert."
Jelinek habe dabei vor allem "die Konsumgesellschaft Österreich
kritisiert, die nicht ihre eigene Vergangenheit aufgearbeitet hat".
Jelineks Prosa sei ebenso einzigartig wie ihre Dramen. Die Akademie
habe bei der Entscheidung nicht darauf gesehen, dass Jelinek eine
Frau ist.
Biografie der Ausgezeichneten
Elfriede Jelinek gilt seit vielen Jahren als eine der prominentesten Stimmen der
deutschsprachigen Literatur. Ihr Werk umfasst alle literarische
Gattungen und wurde bereits mit vielen nationalen und internationalen
Preisen ausgezeichnet. 1998 erhielt sie den renommierten Georg
Büchner-Preis, im vergangenen März den Lessing-Preis. Der Nobelpreis
ist nun die Krönung eines viel beachteten und auch viel gelesenen
Werks.
Ihr Bestseller "Lust" (1989), die Uraufführungen ihrer
Porno-Satire "Raststätte oder Sie machen's alle" durch Claus Peymann
(1994) und von "Ein Sportstück" durch Einar Schleef (1998) sowie
zuletzt die Verfilmung ihres 1983 erschienenen Romans "Die
Klavierspielerin" durch Michael Haneke fanden weit über die Grenzen
des Literatur- und Theaterbetriebs Beachtung.
Elfriede Jelinek wurde am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag in
der Steiermark geboren. Ihre "ungemein leistungsbezogene" Mutter habe
sie zum Wunderkind "dressieren" wollen, erklärte Jelinek einmal. Nach
der Matura, die sie an einer Klosterschule ablegte, studierte sie am
Wiener Konservatorium Klavier und Komposition, belegte daneben aber
auch Sprachen, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Noch als
Studentin veröffentlichte sie 1967 ihren ersten Gedichtband "Lisas
Schatten".
Sowohl ihr Romandebüt "wir sind Lockvögel, baby" (1970) als auch
die Romane "Die Ausgesperrten" (1980) und "Die Klavierspielerin"
(1983) begeisterten die Kritiker, stießen jedoch in gleichem Maße auf
heftigen Widerstand. In ihrer literarischen Arbeit übt Jelinek immer
wieder scharfe Kritik an der Männer- und Klassengesellschaft und
setzt sich kritisch mit den Themen Sexualität, Gewalt und Macht
auseinander. Aufsehen, Neugier und Widerspruch erregte besonders der
Roman "Lust" (1989). Als ihr "opus magnum" bezeichnet sie selbst "Die
Kinder der Toten" (1995). Im Jahr 2000 erschien "Gier", ein
vieldeutiger Kriminalroman aus der österreichischen Provinz.
"Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen
der Gesellschaft" war 1979 das erste Theaterstück Elfriede Jelineks.
Es folgten "Clara S." (1982), "Burgtheater" (1985), "Krankheit oder
Moderne Frauen" (1987) und "Wolken. Heim" (1988), eine Montage aus
Texten von Hölderlin, Kleist, Fichte, Hegel, Heidegger und Auszügen
aus Briefen der RAF-Häftlinge. Um Fremdenfeindlichkeit, Heimat und
Intoleranz gegenüber anderen ging es auch in ihrem szenischen Essay
"Totenauberg" (1992), der ebenso wie "Raststätte oder Sie machen's
alle" (1994), "Stecken, Stab und Stangl" (1996) und "Ein Sportstück"
(1998) am Burgtheater uraufgeführt wurde. Ihre Robert-Walser-Hommage
"er nicht als er" wurde 1998 bei den Salzburger Festspielen zu einem
Erfolg bei Kritik und Publikum. Der Haider-Monolog "Ein Lebewohl" kam
im Jahr 2000 am BE heraus. 2003 brachten am Akademietheater Nicolas
Stemann "Das Werk", am Burgtheater Christoph Schlingensief
"Bambiland" zur Uraufführung.
Erste österreichische Preisträgerin
Jelinek ist die erste österreichische Nobelpreisträgerin im
Bereich Literatur. Mit dem gebürtigen Alt-Österreicher Elias Canetti
wurde im Jahr 1981 ein Autor ausgezeichnet, dessen literarische
Heimat Wien war. In der mehr als 100-jährigen Geschichte des
Literatur-Nobelpreises ist sie bisher die zehnte Frau,
die diese Auszeichnung zuerkannt bekommen hat; davor waren dies Selma Lagerlöf (1909), Grazia Deledda (1926), Sigrid Undset (1928), Pearl S. Buck (1938), Gabriela Mistral (1945), Nelly Sachs (1966), Nadine Gordimer (1991), Toni Morrison (1993) und Wislawa Szymborska (1996) gewesen.
(APA/red)