Chinesische Zeitmaschine

1. Juli 2005, 14:28
4 Postings

In Shanghai kann man der Wirtschaft beim Wachsen zu sehen - bei einem Glas französischen Champagners oder einer guten alten Tasse chinesischen Tees

Restaurants, Bars, ein luxuriöses Geschäft nach dem anderen. Viel schickes Volk auf der Suche nach den besten Plätzen unter den weißen Markisen der Schanigärten. Es könnte eine Straße in Soho, Manhattan sein, in Boston oder Miami. Aber - damit man nicht vergisst, wo man hier ist: Ein Shop heißt Shanghai Tang, eine heiße Adresse für teure Kaschmirpullover, ein Restaurant heißt Ye Shanghai und kocht gerade noch so chinesisch, dass man es unter dem Eintrag "asiatische Küche" im Restaurant-Führer erwarten kann. Shanghai also, die 17-Millionen-Einwohnerstadt an der Mündung des Yangtse in das Chinesische Meer, fast dreißig Jahre nach dem Ableben von Mao.

Das Viertel heißt Xintiandi, und das Flair westlicher Genuss-Meilen kommt nicht von ungefähr. Die Shanghaier Stadtverwaltung fasste den Plan, das 50-jährige Jubiläum des Kommunismus in China würdig zu begehen und zwar mit der Restaurierung eines alten Stadtviertels, in dem 1921 die kommunistische Partei gegründet worden war. Was lag näher, als einen Immobilien-Developper aus Hongkong, Shui on Properties, und Ben Wood, einen Architekten aus Boston zu beauftragen, das Andenken zu bewahren. Ben Wood hatte immerhin gerade eine Art déco-Meile in South Beach in Miami zur Luxus-Promenade gestylt. In Xintiandi blieb forthin kein Stein auf dem anderen. Alle alten chinesischen Häuser wurden Ziegel für Ziegel abgetragen, die Innereien vollständig erneuert und die Haut Originalziegel für Originalziegel wieder aufgebaut.

Das Viertel wurde 2001 eröffnet, das Volk hörte die Signale, kam, konsumierte und fand die "European-Plaza"-Atmosphäre höchst anregend. Niemandem gehen die großen roten Lampions ab, die an chinesischen Geschäften aller Art den Eingang markieren, niemandem fehlen die langen Schlangen geduldiger Chinesen, die gelernt haben, auf Bedienung zu warten. Die amerikanischen Chinatowns sind bei weitem chinesischer, aber das ist wohl eine antiquierte westliche Melancholie.

Das moderne China hat sich der Idee der wohlhabenden Gesellschaft verschrieben. Und Shanghai steht ganz groß in der Auslage. Jede Woche entstehen neue Wolkenkratzer, die Stadt wächst in alle Richtungen. Auf Stadtautobahnen, die meisten als Flyovers geführt, wird der urbane Lebenssaft in die äußersten Gefäße des Organismus gepumpt.

Das alte China hat noch seine Ecken. In kleinen Seitenstraßen der noblen Nanjing Road sieht man chinesische Familien, die ihre Fahrräder mit ihrem gesamten Hausrat beladen oder der Körperhygiene nachkommen. Aber das sind Zeitfenster in eine vergangene Epoche.

"Vor acht Jahren noch trugen hier alle Mao-Jacken und fuhren Rad." Yves Carcelle, Manager des Luxus-Labels Louis Vuitton, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Und er staunt gerne. Denn gerade - drei Tage vor dem ersten Formel-1-Grand Prix in China - eröffnete er feierlich mit chinesischer Löwentanz-Zeremonie zur Abwehr des Bösen und Begünstigung von Glück und Erfolg einen der größten Vuitton-Shops in Asien, einen so genannten Global Store, der nicht nur die notorischen Gepäckstücke, sondern das gesamte Vuitton-Programm von Herrenschuh über Damenpulli bis hin zum Schmuck führt. Zwei Tage später musste man das Geschäft schon schließen - wegen des großen Andrangs.

Der Vuitton-Shop ist das Aushängeschild der Plaza 66 genannten Shopping-Mall an der Nanjing Road, in dem sich auch die Kollegen der europäischen Luxus-Branche eingemietet haben. Tod's ist gleich nebenan, Burberry ist nicht weit, Kenzo ist auch da, Chanel muss man nicht lange suchen, und Armani eröffnet hier dieser Tage. Ein Starbuck's quasi zur Abrundung ist selbstverständlich auch da.

Es herrscht Goldgräberstimmung bei den westlichen Luxus-Unternehmen, und die, die sich schon getraut haben, als die Entwicklung noch nicht so deutlich vorhersehbar war, dürfen jetzt schon ernten. Unter dem Vorsitzenden Deng Hsiao Ping hatte die Open Door Policy die Schleusen zwischen China und den westlichen Nationen schon einen Spalt breit aufgemacht. Der Öffnungswille wurde allerdings von den realen Machtverhältnissen der chinesischen Politik, in der die alte Garde noch fest im Sattel saß, im Zaum gehalten. Wer damals an der Schleuse stand, bekommt heute mitunter Passage erster Klasse.

Louis Vuitton eröffnete 1992 ein Geschäft im Palace Hotel in Beijing und war damals nahezu allein auf weiter Flur. "Von den westlichen Brands gab's sonst nur Mc Donald's," erinnert sich Yves Carcelle. Als nun im vergangenem Jahr der Vuitton-Eröffnung in Guangzhou die Tatsache im Wege stand, dass die dortige Shopping-Mall in staatlichen Händen war, fand der Delegierte der lokalen Regierung zu einer charmanten Neuinterpretation der Worte des Vorsitzenden Deng Hsiao Ping: "Diese Stadt ist das Paradies auf Erden. Man möge alles tun, um die Schönheit und Attraktivität dieses Ortes zu fördern." Was liegt da näher, als Louis Vuitton in die Arme zu schließen und zur Ansiedlung einzuladen. Dieser Logik konnte man sich bei Vuitton nur anschließen.

Aber auch wer vor zehn Jahren das Risiko noch nicht eingehen wollte, steht heute ante portas. Mit der demographischen Entwicklung Chinas, der Herausbildung eines starken Mittelstands, dem sprunghaften Wachstum der Städte, der wachsenden Berufstätigkeit und Kaufkraft der Frauen, der steigenden Mobilität (18 Millionen Chinesen reisen heute außerhalb Chinas, in den nächsten zehn bis 15 Jahren sollen es 50 Millionen sein) stellt der chinesische Markt eine Verlockung dar, die die Welt lange nicht mehr gesehen hat. "Shanghai ist wie New York in den 70er-Jahren. Alles ist möglich und in greifbarer Nähe," schwärmt Carcelle weiter. Und ganz China gilt als Land of Opportunity, wie "Amerika vor 100 Jahren".

Domenico De Sole, letztes Jahr noch Gucci-CEO, prognostizierte den Asien-Anteil am Umsatz der Gucci-Gruppe in den kommenden zehn Jahren mit 30 Prozent. Tod's-Chef Diego della Valle empfiehlt, in den "Sekundärstädten" zu investieren, die noch nicht zu den Metropolen gehören, aber auch schon mal an die zehn Millionen Einwohner haben. Städte wie etwa Xian, zwei Flugstunden westlich von Shanghai, sieben Millionen Einwohner, etwas außerhalb die Ausgrabungsstelle der Terracotta-Armee aus der Qin-Periode, ein kulturhistorischer Ort von Weltwunderrang, eine alte Stadtmauer, an der noch vor wenigen Jahren die Xianer ihr Tai Chi betrieben haben, die jetzt von Großstadtverkehr umflutet ist, die beeindruckende Wild Goose-Pagode, ansonsten Neubau so weit das Auge reicht. Und - kein Wunder, Louis Vuitton ist schon dort, Shop-Eröffnung war am 3. September 2004.

Hat der Shopping-willige Gast aus dem Westen seine Vuitton-Tasche erst einmal erstanden, ist er nicht auf westliche Brands angewiesen, um sie ordentlich zu füllen. Ein Abstecher in die Old Town unweit der Bund, jener Parade kolonialer Architektur, die daran erinnert, dass Shanghai schon in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Brückenkopf für westliche Eliten war, ist ein Eintauchen in die Welt der Papierlampions, Teekännchen, Suzie-Wong-Kleider, Täschchen, Kalligraphien, Siegel, Lacke, Pinsel, bestickter Schuhe.

Allesamt begehrte Dinge im Mix-and-Match-Stil des Dresscodes und bei den Innenarchitekten von Mailand bis New York. Und das zu immer noch fantastischen Preisen. Apropos Preis: Wer sich für einen guten Verhandler hält, kann hier die Probe aufs Exempel machen. Es wird mit einer Entschiedenheit gezockt, als ging's um den letzten Seidenpyjama auf der Welt.

Die Yang des alten China lässt sich mit einem Schluck Yin aus einer Teetasse im dort ansässigen Huxinting Tea House ausgleichen. Das Huxinting liegt auf einer kleinen Insel, die man über eine im Zickzack (um die bösen Geister abzuwehren) geführte Holzbrücke erreicht. Wer im oberen Stock Platz nimmt und den regionalen grünen Tee in den typischen fingerhutgroßen Tassen ordert, hat erstens einen wunderbaren Ausblick auf die Goldfische im See. Weiters auf des Fotografierens nimmermüde Touristen, auf die Betriebsamkeit der Old Town, auf die Schlange vor den Xiao Long Bao-(zu Deutsch Dim Sum)-Restaurants, noch weiter weg auf das Wachsen der Wirtschaft, das sich sichtbar in Echtzeit vor den eigenen Augen abspielt.

Die Teezeremonie dauert nicht lang genug um herauszufinden, wie Shanghai den kraftvollen Köpfler in die westliche Wirtschaftsordnung bewältigt. "Es ist keine Zeit für Kontemplation und Zaudern, es ist eine Zeit des Handelns," meint Vuittons Yves Carcelle. Für westliche China-Melancholie wird auch später noch Zeit sein. (B.L./Der Standard/rondo/8/10/2004)

  • Artikelbild
    epa/adrian bradshaw
Share if you care.