Zwischen Wüste und Harem

14. Oktober 2004, 00:06
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Die Orientmode des 19. Jahrhundert war auch ein Spiegel europäischer Sehnsüchte nach einer vermissten Ursprünglichkeit

Österreichische Maler wie Leopold Carl Müller, Alphons Leopold Mielich, Johann Victor Krämer oder Carl Rudolf Huber nahmen sich dieser Motivik an - wie ein Blick auf das aktuelle Marktangebot zeigt.


Wien - Es gab eine Sehnsucht, die aus einer gewissen Zivilisationsmüdigkeit heraus entstand und nach Ursprünglichkeit und fantastischen Welten Ausschau hielt. Schon deshalb wurde das Orientthema in der europäischen Malerei immer wieder aufgegriffen. Dabei ging es den Künstlern oft kaum um den dokumentarischen Charakter, als sie eben jene Sehnsüchte und Vorstellungen auf das Morgenland projizierten.

Die künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Orient beginnt im ausklingenden 15. Jahrhundert: Neue Handelsrouten wurden erkundet und nährten das Interesse an der orientalischen und manchmal auch als bedrohlich empfunden Welt. Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt mit der Herausbildung eines eigenen Genres im 19. Jahrhundert.

Zu den Hauptvertretern gehörten Berühmtheiten wie Delacroix, Chasserériau oder Ingres - im frühen 20. Jahrhundert dann van Dongen, Picasso oder Kandinsky. In Österreich zählten Leopold Carl Müller, Alphons Leopold Mielich, Johann Victor Krämer oder Carl Rudolf Huber zu den Stars. Aber auch Künstler wie Leopold Fertbauer oder Rudolf Ernst nahmen sich des Themas an, wie eine Auswahl von Bildern zeigt, die am 12. Oktober zur Versteigerung gelangen ("im kinsky").

Einen regelrechten Reiseboom zog die Eröffnung der Strecke Triest-Alexandria der Österreichischen Lloyd 1848 nach sich. Innerhalb von nur fünf Tagen konnte das Bürgertum der k.u.k. Monarchie damit die Welt des Orient in der Realität erkunden. Viele Künstler verbrachten die Wintermonate im Süden und bedienten die Nachfrage der reiselustigen Europäer nach Malerei gleich vor Ort:

Kamelmärkte, Wüstenszenen mit wilden Tieren, fantasievolle Haremsszenerien, das enge Gassenwerk der Altstädte, Händlerviertel und ihr exotisches Angebot, Porträts orientalischer Mädchen und Buben - ein reiches Motivrepertoire für das Fantasiebegehr des Abendlandes.

Selten finden sich gegenwärtig Arbeiten von Alphons Leopold Mielich oder Johann Victor Krämer auf dem Markt. Eine Nillandschaft mit badenden Kindern von Mielich wechselte zuletzt 2002 im Dorotheum für 10.000 Euro den Besitzer wie auch das Porträt eines Orientalen von Krämer für 3400 Euro (2003).

Deutlich öfter finden sich hingegen Arbeiten von Leopold Carl Müller (1834-1892), der wie kein anderer den europäischen Markt bediente. Der in Dresden geborene und an der Wiener Akademie ausgebildete Maler avancierte nicht nur in Österreich zu einem gesuchten Schilderer des orientalischen Lebens, sondern auch in England, wo ihn der Kunsthändler Henry Wallis unter Vertrag nahm.

Seine erste Studienreise nach Ägypten unternahm Müller 1873/74, der bis 1886 noch acht weitere folgten. Im Wiener Kunsthandel finden sich aktuell einige Beispiele aus dieser Zeit: "Wasserträgerinnen am Nil" entstand um 1875 (Kunstsalon Kovacek), das "Porträt einer jungen Ägypterin" (Giese & Schweiger) stammt aus der Zeit vor 1886. "Im kinsky" gelangt zum zweiten Mal (nach dem April 2004) das "Motiv aus den Straßen Kairos" zum Aufruf, das bei einem Schätzwert von 7000 bis 9000 Euro am 12. 10. den Besitzer wechseln soll. Vor allem die beiden erstgenannten Arbeiten führen das für Müller typische Stilmittel vor Augen, den Wechsel zwischen Feinmalerei und luftig-weicher Pinselführung.

Betender Araber

Sehr naturalistisch hielt hingegen der mit "L. Urban" bezeichnete Künstler um 1900 eine detailreiche Ansicht eines Basar in Marrakesch (10.000 - 30.000 Euro) fest, die im Angebot des Auktionshauses an der Freyung steht. Hier finden sich auch eine von Leopold Fertbauer auf Leinwand festgehaltene Fabel "Der Schah und seine Tochter" (5000 - 10.000 Euro) oder "Betender Araber" von Rudolf Ernst (20.000 - 35.000 Euro).

In der Kategorie "International" offeriert "im kinsky" die Flussszene "Am Nil" (5000 - 15.000 Euro) von Paul Jean Baptist Lazerges, einem Franzosen der jahrelang in Algier lebte und nun orientalische Atmosphäre (ganz ohne Flugstress und Klimawechsel) für die eigenen vier Wände bietet.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.10.2004)

Von
Olga Kronsteiner
  • Orientalische Atmosphäre - ganz ohne Flugstress und Klimawechsel - für die eigenen vier Wände "im kinsky":  Paul Jean Baptist Lazerges "Am Nil".
    foto: im kinsky

    Orientalische Atmosphäre - ganz ohne Flugstress und Klimawechsel - für die eigenen vier Wände "im kinsky": Paul Jean Baptist Lazerges "Am Nil".

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