Das stinkwütende Kindermädchen

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Denzel Washington sieht rot - in Mexiko, in Tony Scotts Rachethriller "Mann unter Feuer" ("Man on Fire")

Wien – Ungefähr in der Mitte des Films liegt Creasy (Denzel Washington) am Boden, von mehreren Schüssen verwundet. Doch Männer wie Creasy – einst Marine, jetzt Bodyguard – liegen nie lange am Boden. Sie regenerieren, aber die Wut bleibt wie ein Geschoß im Bauch; sie schwören Rache, und nicht einmal ein bis auf die Zähne bewaffnetes Mafiakartell vermag sie dann aufzuhalten.

Tony Scotts Man on Fire ist ein Rachethriller, der in der ersten Hälfte die Geschichte einer Annäherung erzählt. Creasy, der seine Traumata mit Alkohol und Bibellektüre bekämpft, wechselt als Kindermädchen der kleinen Pita (Dakota Fanning) in die Privatwirtschaft. Sie möchte von ihrem "traurigen Bären" nicht nur beschützt, sondern auch in die Arme genommen werden. Als Schwimmtrainer lehrt er sie Disziplin, sie gibt ihm Lebensfreude zurück.

Labiler Beschützer

Schon über diese aufkeimende Freundschaft beschwört Scott die Atmosphäre einer ständigen Bedrohung. Wir befinden uns schließlich in Mexiko (A. J. Quinnells Romanvorlage wurde entsprechend adaptiert), hier gehören Entführungen zur Tagesordnung. Ein Wagen verfolgt Pita und Creasy auf dem Schulweg. Die hektischen Manöver des Bodyguards unterstreichen seine Labilität.

Die latente Gefahr bereitet den Zuschauer auf das vor, was noch folgt, und das Zusammenspiel des Mädchens und ihres Beschützers liefert nur einen Motivations- und Legitimationsvorschuss für die später praktizierte Lynchjustiz. Denn Pita wird entführt, der Handel um ihre Freilassung misslingt. Also liegt es an Creasy, seine eigene, alttestamentarische Ökonomie durchzusetzen: Jeden, der an der Gewalttat beteiligt war, verspricht er, wird er zur Strecke bringen.

Ridley Scott hat mit Black Hawk Down die Unübersichtlichkeit moderner Kriegsführung als Action-Gemetzel übersetzt. Sein Bruder Tony liefert mit Man on Fire dazu nun das Sequel: einen Film über den Krieg nach dem Krieg, in dem auf Entführungen mit Folter reagiert und Selbstjustiz als der effektivere Weg der Krisenlösung propagiert wird. Schmerz gegen Leid, Recht vor Gerechtigkeit.

Mit im Hollywood-Mainstreamkino selten gewordener Direktheit wird hier Gewalt ins Bild gesetzt: Creasy kappt Finger ab, lässt Bomben im Körper anderer detonieren, kennt kein Erbarmen. Er hat nicht nur den moralischen Vorteil des Rächers auf seiner Seite, sondern auch den Vorsprung der Information: Eine Journalistin versorgt ihn mit dem nötigen Insiderwissen.

Ästhetisch orientiert sich Scott an Filmen wie City of God: Jump-Cuts, grobkörnige, farblich nachbearbeite Aufnahmen sollen dem Drama wohl ebenso einen hippen Anstrich geben wie Mickey Rourke und Christopher Walken, die in Nebenrollen posieren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.10.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

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