"Wir sind nicht die Polizei"

21. Februar 2006, 13:23
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Vor neun Jahren wurde das Projekt "Peer-Mediation an Wiener AHS" ins Leben gerufen. Heute schlichten bereits 220 SchülerInnen regelmäßig Streit.

Die Konfliktlösungs-Methode der Peer-Mediation hat in den USA bereits lange Tradition. Seit den 70er Jahren als Weiterentwicklung der Arbeitsplatz-Mediation eingesetzt, gehört Konfliktlösung unter SchülerInnen dort bereits zum Standard-Repertoire. In Österreich steht diese Art von Gewaltprävention im Vergleich erst am Anfang. Eines der ersten Projekte "Peer Mediation an Wiener Schulen", leistet jedoch bereits seit neun Jahren Pioniersarbeit. Mittlerweile konnte ein Viertel der Wiener AHS vom Nutzen der Peer-Mediation überzeugt werden.

"Mediation ist keine Psychotherapie"

Einer der Projektleiter, Schulpsychologe Gottfried Banner, ist vom Erfolg der Peer-Mediation nicht überrascht. "Das Interesse von Schulen wächst jährlich, weil das Konzept einfach funktioniert." Ein Konzept, das im Unterschied zur gängigen Schulmediation SchülerInnen als Mediatoren einsetzt. Das Prinzip ist es, nach klar definierten Regeln zu einer Lösung des Konflikts zu finden. Die Regeln werden von VertrauensschülerInnen erklärt, die auch darüber wachen, dass die Streitparteien sich daran halten. Die Lösungen kommen meist von den Streitenden selbst. Erwachsene sind an solchen "Aussprachen" unter jugendlicher Anleitung nicht willkommen.

"Genau deswegen haben solche Gespräche Erfolg", so Julia Kiss (16), Peer-Mediatorin am BRG Henriettenplatz im 15. Wiener Gemeindebezirk. Seit einem Jahr setzt sich die Oberstufen-Schülerin für die Konfliktlösung ein. "Es sind natürlich immer wieder ähnliche Probleme, mit denen die SchülerInnen zu uns kommen: Hänseleien, Eifersüchteleien, Außenseitertum."

Ausbildung fürs Leben

Ausgebildet werden die SchülerInnen in einem Wochenendseminar für Peer-Mediation sowie in unverbindlichen Übungen und permanenten Supervisionstreffen mit ihren Peer-Betreuern. "Wichtig ist es, den Peer-Mediatoren beizubringen, dass Mediation keine Psychotherapie ist, sondern nur ein Gespräch mit gewissen Regeln. Eine psychische Belastung für die Mediatoren darf nicht entstehen," so die Lehrerin und Peer-Betreuerin Elisabeth Wolm, die 2001 die Arge Schulmediation mitgründete. "Begegnen die Jungen und Mädchen richtigen Konfliktfällen, dann wissen sie, dass sie den Fall sofort den verantwortlichen Erwachsenen weiterleiten können und müssen. Geheimhaltung ist natürlich auch dann gegeben". In ihrer Schule, dem BRG Henriettenplatz, arbeiten derzeit drei Schülerinnen und fünf Schüler als Mediatoren. "Wir bemühen uns, dezidiert auch Jungen zu gewinnen, weil vor allem unter den männlichen Schülern viele Konflikte aufkommen," so Wolm.

Krisenfälle sind Sache der LehrerInnen

Zwei bis drei Konflikte pro Monat betreuen die acht MediatorInnen in der 450-Personen Schule. Manchmal gemeinsam, manchmal zu zweit. "Wir sind eine Multikulti-Schule. Da stehen auch Konflikte zwischen den Kulturen auf der Tagesordnung, hier ist es gut, auch in der Sprache der Konfliktparteien zu sprechen", der 18-jährige Adis spricht Deutsch und Serbokroatisch und sieht seine Ausbildung zum Peer-Mediator auch als persönliche Bereicherung. "Seitdem unsere Schule Peer-Mediation anbietet, ist die Stimmung allgemein etwas entspannter." Ein einziges Mal musste das gesamte Mediations-Team zur Streitschlichtung antreten. "Ein Diebstahl in der Umkleidekabine der Turnhalle war da der Auslöser," erinnert sich Julia. "Zwei Klassen hatten Sportunterricht, beide beschuldigten sich gegenseitig, den Dieb zu decken." Der Streit konnte geschlichtet werden, die Funktion der Mediatoren war nicht allen von Anfang an klar. Als dann alle begriffen hatten, dass wir weder bestrafen noch bewerten, ging´s dann. Wir sind ja nicht die Polizei."

Beispielgebendes Modell

32 Schulstandorte in Wien greifen mittlerweile auf das Angebot zurück, Peer-MediatorInnen und BetreuerInnen ausbilden zu lassen. Gottfried Banner, Leiter des Schulpsychologischen Dienstes für AHS in Wien organisiert die Wochenendseminare: "Die Ausbildung wird vom Schulpsychologischen Dienst gratis angeboten." Rein die Übernachtungs- und Verpflegungskosten der SchülerInnen fallen an, die müssen von den Schulen getragen werden.

Längst hat auch das Bundesministerium die Peer-Mediation als sinnvollen und erfolgreichen Weg der Konfliktlösung an Schulen anerkannt. Im Dezember soll auf einer ExpertInnen-Tagung über die Möglichkeit einer bundesweiten Ausbildung beraten werden. "Bundesweite Ausbildungs-Lehrgänge an den Pädagogischen Instituten wären hier vorstellbar", so Doris Kölbl vom BMBWK. Ein Angebot an die Schulleitungen, das Elisabeth Wolm begrüßen würde. "Denn Peer-Mediation lehrt die Kinder, sich als Teil der Lösung zu empfinden." (mhe)

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    julia kiss
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