Ein Outlaw namens Hansi

13. Oktober 2004, 01:39
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Mit 75 wird der deutsche Bigband-Leader James Last jetzt als cooler Alter verkauft

Wien - An die 100 Millionen Schallplatten hat der Mann weltweit verkauft. Und sein Prinzip ist seit den frühen 70er-Jahren so einfach wie schrecklich: Halte dich nicht lange mit Eigenkompositionen auf. Das Schreiben von Musik ist ein einsamer Job. Möglicherweise bleibt er unbedankt. Laut statistischer Wahrscheinlichkeit gehen 99,9 Prozent aller angestrebten Weltkarrieren in die Hose.

Das ist nicht gut. Nimm lieber von anderen. Bediene dich bei allen Trends und Moden und Charterfolgen immer nur beim Allerallereingängigsten. Flops werden auch beim zweiten Anlauf selten Hits. Lass dich nicht mit subtilen Untertönen plagen. Nivelliere Gassenhauer aus der kunterbunten Welt von Pop, Klassik und Folklore so weit nach unten, dass diese Schlager wirklich jeden berühren. Weil sie niemanden etwas angehen.

Haben Sie schon einmal in der Kaffeemaschine mit derselben Filterfüllung eine zweite Kanne durchlaufen lassen? Dies ist das Prinzip James Last. Herzinfarkte kriegt man davon nicht.

In der Welt von James Last haben all jene immer eine Stimme bekommen, die sich nur für Musik interessieren, wenn diese nicht auffällt. Dieses Mandat definiert sich paradoxerweise über großteils instrumental gehaltene Musik.

Mit seiner als hochpräzise Maschine arbeitenden Bigband deutet der 75-jährige Hamburger mit einer Vergangenheit als Jazzbassist seit seinem Durchbruch als deutscher Musikgott für die Generation, der Peter Alexander dann doch schon zu spießig war, Klassiker des Pop als kurz vor dem Verstummen angesiedelte Mitsumm-Hits.

Welcher heutige Thirtysomething erinnert sich nicht mit Schaudern an die Plattensammlung der Eltern? Die wurde immer dann bemüht, wenn Gäste je nach Trinkanlass auch akustisch bewirtet werden mussten. Sehen wir einmal von regelmäßig veröffentlichten Weihnachts-Karaoke-Klassikern wie The Christmas Album, Weihnachten mit James Last oder Christmas Dancing ab.

Die mit süßlichen, aber rasiermesserscharf durch weltalltiefe Hallkammern schneidenden Streichern, Schubidu-Chören angereicherten und parallel mit den Zeiten immer härter werdenden Beats führten zu begradigten Klassikern des Easy Listening: Auf Last geht's los, Rock'n'Roll-Party, Viva Espana, Non Stop Dancing oder Beach Party. Seine Fernsehshows waren in den 70er-Jahren gesellschaftliche Großereignisse.

Dabei tat sich Last während 90 Minuten vor allem mit einem hervor. Schlimm genug: Let the music do the talking! Der als Johannes Last geborene große Schweiger lächelte gütig unter seinem Schnauzbart hervor und dirigierte seine Band nur mit dem Hin- und Herbewegen seines Zeigefingers. Und dieser bis heute noch immer die Mehrzweckhallen dieser Welt live bespielende Hüter des Schmalzes soll plötzlich cool sein?!

Schon 1999 unternahmen die Hamburger Rapper Fettes Brot zum 70. Geburtstag von Last mit der nur mäßig erfolgreichen Single Ruf Mich An den Versuch, ihren heute längst im deutschen Rentnermillionärsparadies Miami lebenden Nachbarn bei einem jungen Publikum zu rehabilitieren.

Wie allerdings erst jetzt das in zwei Wochen erscheinende Album They call me Hansi belegt, funktioniert diese fragwürdige Ehrenrettung nur mit den Mitteln des Zynismus. Immerhin bedurfte es dazu eines Quentin Tarantino. Dieser nahm den alten, kitschig erhabenen Gänsehaut- und Panflöten-Klassiker Der einsame Hirte in der Version von Georghe Zamfir und James Last zur Untermalung einer Blutorgie in Kill Bill.

Mit weit reichenden Folgen: Zum 75er wird James Last heute gegen sein altes Image im weißen Seidenanzug nicht nur von Starfotograf Anton Corbijn als düsterer Grübler abgelichtet. Offensichtlich will man hier im Stile des späten Johnny Cash auch alten Mainstream "unschmalzed" als Outlaw-Sound verkaufen.

Unter der Regie des von Herbert Grönemeyers Mensch bekannten Produzenten Alex Silva muss James Last jetzt zwar wie immer schon kaum einen Finger rühren. Alte Stücke werden heute bloß in den Sampler gejagt und mit Computerbeats zugeknallt, dass es bei MTV im Karton rappelt. Dafür aber dürften Grönemeyer selbst, Xavier Naidoo, Tom Jones, RZA vom Wu-Tang Clan, Luciano Pavarotti als Schatten seiner selbst oder Nina Hagen und Jan Delay mit neuen Texten zu alten Hadern zumindest für einen Erfolg in Deutschland sorgen.

Wie sang Bob Dylan früher sehr, sehr beunruhigt: "There's something going on - and I don't know what it is."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.10.2004)

Von
Christian Schachinger
  • "They call me Hansi"
    foto: anton corbijn /universal

    "They call me Hansi"

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