Invasion der Klangrhythmen

13. Oktober 2004, 01:42
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Martin Grubinger, einer der gefragtesten Multi-Perkussionisten der Musikszene, im Gespräch

Der 21-jährige Martin Grubinger ist einer der gefragtesten Schlagwerker der Szene. Er tourt europaweit, findet aber auch Zeit, zu "Bilder einer Ausstellung", einem Film von Michael Verhoeven über die Wehrmachtsausstellung, Musik beizusteuern. Ein Gespräch.


Graz - Es ist nicht so lange her, da gab es folgende Methode: Kannst du nicht Geige spielen, kommst du zur Bratsche. Funktioniert das auch nicht, dann eben Kontrabass. Und schlussendlich gab's noch die Pauke. Den Nimbus des Abstellgleises für gemäßigt begabte Instrumentalisten hat die Perkussion jedoch längst verlassen; das bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vernachlässigte perkussiv-rhythmische Element hat sich auch in der abendländischen Konzertmusik etabliert. Das gewaltige Repertoire an Klangkörpern – etwa 5000 – hat dabei einen neuen Typus des Virtuosen hervorgebracht: den Multi- Perkussionisten.

Martin Grubinger ist einer der Genrestars, seine internationalen Konzerte zeugen nicht nur von der Qualität des 1983 in Salzburg als Sohn eines Schlagwerkdozenten Geborenen, sondern repräsentieren auch den Wandel, den dieses Instrumentarium erfahren hat. "Das Schöne am Schlagwerk ist sein enormes Spektrum", so Grubinger, der sich bewusst nicht auf eine Instrumentengruppe spezialisiert.

"Die Perkussion", so Grubinger, "bietet hier ganz neue Möglichkeiten, das Publikum klassischer Konzerte um junge Besucher anzureichern." Zudem eröffne die Perkussion durch ihre starke physische Präsenz Möglichkeiten, die Rezeption zu erweitern. Grubinger nennt hier etwa den Einsatz von Helmkameras oder Lichtelementen.

Hier lägen auch noch ungenutzt Möglichkeiten für die Tonträgerbranche. Mit dieser hatte Grubinger auch schon negative Erfahrungen, versuchte Sony ihn doch in das Schaumbad einer harmlosen Crossoverproduktion zu locken: "In dieser Weise wird diese CD sicher nicht erscheinen", so der Musiker und nennt als mögliche Alternative das Medium DVD.

Ein schönes Beispiel hinsichtlich der visuellen Gestaltungsmöglichkeiten liefert hier seine Homepage – Grubinger und sein Instrumentarium werden als fließende Einheit präsentiert. Der starke physische Aspekt wird auch klar, wenn man Grubinger hinsichtlich der rein körperlichen Arbeit bei einem Konzert befragt. "Der Puls bei einer Performance liegt oft zwischen 160 und 180", so Grubinger, der so in Bereiche des Leistungssports vordringt.

Bei dem Konzert mit dem Grazer Symphonischen Orchester unter Milan Horvath konnte dies sehr schön beobachtet werden. Grubinger spielte das g'schmackige Concerto Nr. 3 für Marimbaphon und Orchester des dänischen Komponisten Anders Koppel. Doch neben dem Wirbelwind, den seine Schlägel auf dem Instrument entfachen, zeugt Grubingers Spiel auch noch von einer großen Sensibilität für die feinen Klangschattierungen dieses ursprünglich afrikanischen Instruments.

Gefragt, was ihm persönlich am Herzen liege, kommt eine überraschende Antwort. Es ist Grubingers politische Wachheit, seine Ablehnung von Demagogie und Aufhetzung als Mittel der Politik – Österreich habe hier leider noch immer einen großen Nachholbedarf. Für Bilder einer Ausstellung, einem halbdokumentarischen Film von Michael Verhoeven über die Wehrmachtsausstellung, steuerte Grubinger mit seiner Gruppe denn auch Stücke bei. Kunst als Ausdruck einer politischen Haltung gepaart mit Virtuosentum – das lässt noch auf viele interessante Arbeiten hoffen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 6.10.2004)

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