Grenzwert: Gedankenlähmung

3. Oktober 2005, 17:45
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Bei den 8. Wiener Video- und Filmtagen steht mindestens dieser vielversprechende Nachwuchs-Regisseur auf dem Programm und sein junger Schauspieler neben sich selbst.

Man stelle sich vor: man liegt ahnungslos in seinem Bett, plötzlich ertönt eine Sirene, man dreht das Radio auf - was ist los, was ist los? - man ist noch ganz verschlafen, aber in dem Moment hellwach, als man erfährt, dass die Stadt von einer Katastrophe bedroht ist. Man wird ersucht, sich mit genügend Lebensmitteln in einen geschlossenen Raum zu begeben und dort weiterer Anweisungen zu harren.

Das ist die Situation, in der wir Fabian in Jascha Novaks Kurzfilm Wetterumschwung erleben. Jeder Mensch, der sich schon einmal in irgendeiner Art von Extremsituation befunden hat, weiß, dass dann das Denken auf Essentielles reduziert wird, wenn die Panik es nicht völlig außer Kraft setzt. Diese fast Trance-artige Befindlichkeit wird in Novaks 17-minütigem Spielfilm durch eine psychedelisch-bassige Musik dargestellt, die wie ein nebeliger Mantel alles einhüllt, um die Bedrohung nicht zu scharf erscheinen zu lassen. Das kleine weiße Badezimmer, der Fernseher und die Konservendosen, in ihrer Mitte Fabian, der unglaublich gefasst bleibt. Sogar an den Dosenöffner hat er gedacht.

Wir hören keine Geräusche, nur die wesentlichen Meldungen aus den Nachrichten oder Fabians Stimme, wenn er telefoniert. Wie viel Prozent seiner Umwelt nimmt er noch wahr? Und würden wir uns verhalten wie er? Wo endet das Begreifbare und wo beginnt das Chaos? Irgendwo gibt es einen Punkt, an dem sich die Dinge nicht mehr in Messwerten schätzen lassen.

Dann das Klopfen an der Tür, die Information: die Stadt wird evakuiert. Okay. Sachen packen, raus. Keine Zeit, um darüber nachzudenken. Keinen Nerv für analytische Abstraktion, für Fragen, für Gefühle. Einfach machen, rennen, die Strasse entlang, immer weiter. Die Handkamera wackelt, der geregelt-kontrollierte Ablauf ist aufgelöst. Immer noch der dumpfe Musik-Mantel. Dazu die Großaufnahmen von Fabians Gesicht. Wir erschrecken vor der Intimität und Authentizität. Wer ist dieser junge Mann?

Identitätsverlust

Dass Fabian Fabian heißt (und von Charly Vozenilek gespielt wird), erfahren wir eigentlich erst im Abspann. Auch sonst wissen wir nicht viel über ihn. Nur, dass er raucht, wahrscheinlich zur Schule oder Uni geht und eher der alternativen Sorte Jugendlicher angehört. Was Fabian definiert, ist, dass er ein zufällig ausgewähltes Beispiel aus einer Masse ist, die mit der gleichen Situation konfrontiert wird. Fabian ist also irgendwer, anonym, einer von vielen, ein Teil eines Ganzen. Das schützt ihn, denn das Ganze bemüht sich, alle seine Teile einzusammeln und in Sicherheit zu bringen. Und die Teile halten zusammen. Was sie normalerweise und an normalen Tagen nicht tun. Denn da lebt jeder für sich und am anderen vorbei. Ohne sich für den anderen zu interessieren, wer er ist, wohin er geht. Menschen sind vielleicht wie passive Fische im seichten Wasser und beginnen erst mit Hilfe eines kleinen Sturms oder eines anderen Wetterumschwungs sich gegenseitig wahr zu nehmen.

Eine Kritik von Valerie Kattenfeld über "Wetterumschwung"
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