"Herzfrauen" mit Hang zum Abzocken

6. Oktober 2004, 09:51
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So genannte Schenkkreise sind eine neue Variante des Pyramidenspiels - Bloß kommen nur ganz wenige an das große Geld und ganz viele werden 5000 Euro los

Wien/St. Pölten - Sie nennen sich "Herzfrauen", "Sonnenmänner", "Lotusblüten" oder schlicht "Schenkkreis" - und was unter dem Motto "Geld schenken heißt loslassen" als esoterisch verpackte Weisheit daher kommt, ist nichts anderes als eine weitere Variante des Pyramidenspiels.

Ursprünglich aus Deutschland kommend, haben sich Schenkkreise auch bereits in Wien und im südlichen Niederösterreich etabliert. Das System klingt bestechend einfach: Acht Personen "schenken" dem neunten Teilnehmer in der Mitte des Kreises je 5000 Euro - sprich der beziehungsweise die Glückliche geht mit insgesamt 40.000 Euro nach Hause.

Der Kreis teilt sich danach in zwei neue Kreise, die Mitglieder rücken eine Stufe weiter in Richtung Kreismitte, für den Außenkreis müssen neue Mitglieder geworben werden. Und ab diesem Moment gehe es wie bei Pyramidenspielen üblich "exponentiell auseinander", sagt Werner Krisch, Konsumentenschutzberater von der Arbeiterkammer Niederösterreich (Aknö). Nach mehreren Runden sind Zigtausende Neueinsteiger notwendig, damit das System nicht platzt. Krisch: "In der 20. Runde brauche ich bereits die gesamte Bevölkerung von Österreich, die mitspielt."

Geworben wird im privaten Umfeld. Frauen dürften sich besonders vom esoterischen Touch angesprochen fühlen ("Geld ist eine Energie, die fließen muss"). Bei Kaffee, Sekt, Lachsbrötchen werden die Teilnehmerinnen in euphorische Stimmung versetzt, die Euro sitzen dann besonders locker.

Bei Männern zieht - zumindest in Deutschland - der Tafelrunden-Schmäh: Ritterlichkeit, Ehrlichkeit, Gemeinsamkeit heißt die Devise. Die Teilnehmer dürfen beim Abgezocktwerden ein wenig Camelot spielen, die Geldübergabe erfolgt mit Schwert, Umhang und Ritterschlag.

Haft droht

Bei ihm hätten sich noch keine Geschädigten gemeldet, schildert Werner Krisch, obwohl die Schenkkreise erstmals 2003 in Österreich aufgetreten sind. Nicht verwunderlich, seit 1997 sind Pyramidenspiele in Österreich laut Strafgesetzbuch verboten. Initiatoren drohen bis zu drei Jahre Haft, auch Mitspielen ist strafbar. Wer sich jedoch an die Arbeiterkammer wendet sind Verwandte, Ehepartner, denen plötzlich auffällt, dass sich die Betroffenen anders verhalten, Sparbücher auflösen oder Kredite aufnehmen.

"Gewinnen kann wie bei allen Pyramidenspielen eigentlich nur einer", so das Resümee des Konsumentschützers, "derjenige, der das Spiel erfunden hat."(Bettina Fernsebner-Kokert, Der Standard, Printausgabe, 05.10.2004)

  • Bei dem Pyramidenspiel locken 40.000 Euro
    foto: derstandard.at

    Bei dem Pyramidenspiel locken 40.000 Euro

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