"Es geht um Macht"

4. Oktober 2004, 19:43
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Tarek Eltayeb, seit 20 Jahren in Wien lebender ägyptischer Schrift­steller, im STANDARD-Interview über die Arabische Liga und Zensur

Der ägyptische Schriftsteller Tarek Eltayeb lebt seit 20 Jahren in Wien und gilt als ausgewiesener Kenner arabischer Literatur. Er sprach mit Stefan Gmünder über die Frankfurter Buchmesse, die am Dienstag eröffnet wird, die von der Arabischen Liga eingeladenen Autoren und Zensur.


Wien – 22 Länder und 228 Autoren werden die arabische Literatur an der Frankfurter Buchmesse, die heute eröffnet wird, vertreten. Trotz oder vielleicht gerade wegen der tristen Weltlage eine einmalige Chance, denn laut einem UNO-Bericht leben fünf Prozent der Weltbevölkerung im arabischen Raum – sie produzieren jedoch erst ein Prozent der Bücher, die weltweit erscheinen. Federführend für den orientalischen Buchmesse-Auftritt ist die Arabische Liga, was zu erheblicher Kritik, der Furcht, dass die Buchmesse für Propagandazwecke missbraucht wird, und einem machtpolitischen Gerangel um die Einladungsliste führte. Eröffnet wird die Buchmesse heute Abend vom ägyptischen Nobelpreisträger Magib Machfus. Trotz allem: ein viel versprechender Anfang.

Standard: Die diesjährige Frankfurter Buchmesse steht unter dem Thema "Arabische Welt". Was halten Sie von der Idee, nicht ein Einzelland, sondern eine Region von 22 Staaten bei der Buchmesse zu präsentieren?

Tarek Eltayeb: Es ist problematisch, zu behaupten, dass der Frankfurter Auftritt die gesamte arabische Literatur wiedergebe. Die Sprache mag zwar einheitlich sein, größer sind aber die soziologischen, kulturellen und ökonomischen Unterschiede zwischen Marokko und Irak, zwischen Ägypten und Jemen, zwischen Oman und Sudan.

Diese verschiedenen Voraussetzungen führen naturgemäß zu großen Unterschieden im Schreiben. Die Termini "arabische Welt" und "arabische Literatur" sind Hilfskonstrukte. Zudem sind viele wichtige, kritische Schriftsteller nicht eingeladen worden, was das Bild zusätzlich verfälscht.

STANDARD: Ausgewählt wurden die Autoren, die in Frankfurt sein werden, von der Arabischen Liga. Der Schriftsteller Rafik Schami sagt, es handle sich bei den Vertretern der Arabischen Liga um Funktionäre und Analphabeten.

Eltayeb: Es ist zwar hart gesagt, aber er hat Recht. Viele Autoren, die zur Buchmesse kommen, kenne ich nicht einmal vom Namen her. Es scheint, als ob man nach Deutschland käme, um einen Kulturkrieg zu führen, um zu zeigen, dass die arabische Welt die beste aller Welten sei. Einheitlich, sauber, schön.

Es geht nicht an, dass gewisse Autoren – darunter viele Exilschriftsteller – ausgeschlossen sind. Die Frage ist, ob wir ein reales Bild von uns zeigen wollen oder ein idealisiertes einer arabischen Welt ohne Brüche. Das reale Bild wäre allemal besser. Grotesk ist auch, dass die Arabische Liga Mühe hatte, die nötigen vier Millionen Dollar aufzutreiben – viel weniger, als sie für irgendwelche blödsinnigen Konferenzen ausgibt.

STANDARD: Wie stark ist die Zensur in den arabischen Ländern?

Eltayeb: Die Zensur ist stark, sie differiert allerdings von Land zu Land. Im Libanon

beispielsweise ist sie eher schwach, in Ägypten nicht immer gleich. Dort geschieht es oft, dass ein Buch zunächst auf den Markt kommt, von religiöser Seite angegriffen und wegen einer aus dem Kontext gerissenen Zeile verboten wird, weil ein Autor beispielsweise ein paar Zeilen über Liebe und Leidenschaft schreibt oder ein Ungläubiger in einem Text vorkommt.

Es gibt auch Autoren, die geben die Bücher noch einmal heraus und löschen oder ändern einige Passagen. Wenn es zum Beispiel heißt "Er schläft mit ihr", wird daraus, "Er schaut ihr in die Augen". Statt "Er küsst sie" heißt es "Er berührt ihren Mantel".

STANDARD: Die Verbote resultieren also vor allem aus religiösen Tabus?

Eltayeb: Die Tabuthemen sind Politik, Religion und Sexualität. In erster Linie ist die Religion wichtig. Kommt ein Atheist in einem Roman vor, ist die Chance, dass das Buch verboten wird, groß. Wenn eine Figur über die Religion schimpft oder spottet, wird das direkt auf den Autor gemünzt.

Der bekannte Autor Nasr Hamid Abou Zaid, war Professor an der Universität Kairo. Er hat einige Bücher über Religion geschrieben. Plötzlich hieß es, er sei ein Ungläubiger und dürfe daher nicht eine Muslimin heiraten. Man versuchte ihn von seiner Frau zu trennen, er musste das Land verlassen und lebt derzeit in Holland. Machfus wurde bei einem Messerattentat auf offener Straße schwer verletzt.

Der Attentäter hatte keine Zeile von ihm gelesen, aber von einem Prediger gehört, Machfus schreibe Bücher gegen Gott. Es geht bei diesen Dingen um Macht und ihre Aufteilung. Die Regierungen räumen den Islamisten in der Kultur viel Platz ein, damit sie die linken und kritischen Stimmen unterdrücken. Das läuft am einfachsten über die Religion. Aber natürlich darf man auch politisch nicht gegen die Regierung schreiben.

STANDARD: Regt sich in der Öffentlichkeit Widerstand gegen diese Zensur?

Eltayeb: Die Intellektuellen diskutieren selbstverständlich über diese Zustände – das ist aber nur eine ganz kleine Gruppe. Sie würden die Bücher gern lesen und versuchen sich zu wehren. Sie publizieren ihre Bücher halt anderswo. Wenn es schwierig ist, ein Buch im Sudan herauszubringen, dann versucht man es in Kairo, wenn es dort nicht geht, in Beirut. Ein Buch, das im

Libanon publiziert wird, ist eventuell in Kuwait verboten, ein Roman, der in Ägypten verlegt wurde, darf in Saudi- Arabien nicht erscheinen. So viel zur Homogenität einer gesamtarabischen Kulturschau.

Wenn ein Buch nicht über die Grenzen eines Landes

hinauskommt, ist das fatal. Die arabischen Länder haben 300 Millionen Einwohner, die Auflage meiner Bücher beträgt 1000 Stück. Und das soll gefährlich sein?

Der Autor mit den höchsten Auflagen ist Magib Machfus, der hat eine Auflage von 5000 Stück. Lächerlich. Ich habe kürzlich eine Statistik gelesen. In Europa liest man durchschnittlich 36 Stunden im Jahr, in der arabischen Welt sind es sechs Minuten. Alles klar?

STANDARD: Wie ist die Lage der Verlage?

Eltayeb: Die meisten Verlage in der arabischen Welt sind klein – es gibt pro Land vielleicht ein, zwei Verlage, die mehr publizieren; und "mehr" bedeutet eben 5000 Exemplare. Viele Autoren in der arabischen Welt müssen dafür zahlen, dass ihr Buch überhaupt gedruckt wird. Die Verleger riskieren nichts, weil sie von vornhinein wissen, dass sie wenig verkaufen. Wenn von einem Schriftsteller 500 Bücher herauskommen, bleiben 300 am Lager, und 200 verteilt er an Freunde, und in einem Kaffeehaus werden vielleicht zehn Leute über das Buch diskutieren. So ist es. (DER STANDARD, Printausgabe, 05.10.2004)

Zur Person

Tarek Eltayeb wurde 1959 als Sohn sudanesischer Eltern in Kairo geboren. Er besuchte eine Koranschule und studierte in Kairo Betriebswirtschaft. Seit 1984 lebt er in Wien, wo er sich anfänglich als Zeitungskolporteur durchschlug.

Als Übersetzer finanzierte er sich sein Studium und promovierte in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Er publiziert in einem ägyptischen Verlag; auf Deutsch erscheint sein Werk in der edition selene.
  • Tarek Eltayeb: "Die arabischen Länder haben 300 Millionen Einwohner, die Auflage meiner Bücher beträgt 1000 Stück. Und das soll gefährlich sein?"
    foto: edition selene / hans labler

    Tarek Eltayeb: "Die arabischen Länder haben 300 Millionen Einwohner, die Auflage meiner Bücher beträgt 1000 Stück. Und das soll gefährlich sein?"

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