SP-Yilmaz im STANDARD-Interview: "Nehmen Sie es nicht persönlich"

24. Oktober 2004, 16:42
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Die in der Türkei geborene Landtagsabgeordnete versucht die ablehnende Linie ihrer Partei zu relativieren

Nurten Yilmaz, in der Türkei geborene SPÖ-Politikerin aus Ottakring, versucht im Gespräch mit Conrad Seidl, die gegenüber einem EU-Beitritt ablehnende Linie ihrer Partei zu relativieren.

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STANDARD: Wie gehen Sie mit der SP-Ablehnung eines türkischen EU-Beitritts um?

Yilmaz: Meine Herangehensweise ist erstens: Ich bin Kommunalpolitikerin und nicht Außenpolitikerin. Und zweitens: Ich halte mich an Verträge – es gibt einen gültigen Vertrag zwischen der Türkei und den EU-Verantwortlichen – als Staatsbürgerin und Europäerin wünsche ich, dass dieser Vertrag eingehalten wird, falls der Bericht eine Empfehlung ausspricht, dass die Türkei den Kriterien immer mehr nachkommt. Und das ist vom Gefühl her doch so.

STANDARD: Werden die Fortschritte der Türkei in Ihrer Partei genügend honoriert?

Yilmaz: Es gibt eine Diskussion in der SPÖ – und ich kann auch den Argumenten einiges abgewinnen, die gegen einen Beitritt sprechen. Nur: Der Zug ist bereits in Fahrt, das hätten sich die Damen und Herren Verantwortlichen 1999 überlegen müssen. Dass dort 70 Millionen Menschen wohnen und die Grenzen der Türkei lang sind, ist doch nix Neues. Aber: Niemand spricht von einem sofortigen Beitritt. Wir sprechen von einer Türkei, die es noch nicht gibt und einer EU, die es so auch noch nicht gibt, weil beide noch nicht bereit sind. Ich kann mit der Diskussion leben, solange es nicht heißt: Wir wollen nicht, weil's Türken sind.

STANDARD: Steht nicht diese prinzipielle Ablehnung hinter der Haltung Ihrer Partei?

Yilmaz: Die SPÖ argumentiert sachlich. Sie sagt nicht: Das sind Orientalen – und damit hat es sich. Sondern: Die Türkei hat eine anständige Behandlung verdient.

STANDARD: Und wie erklären Sie das türkischstämmigen Neoösterreichern, von denen es ja in Ottakring viele gibt?

Yilmaz: Es ist meine Aufgabe, die Diskussion auf die sachliche Ebene zu bringen – auch die Diskussion unserer neuen Mitbürger untereinander, deren Verbundenheit mit der ehemaligen Heimat ja da ist. Ich sage: "Nehmen Sie es nicht persönlich" – denn aus den Schlagzeilen entsteht ein überspitztes Bild. Und wir im Westen rümpfen ja auch die Nase, wenn bei Verträgen herumlaviert wird – und nennen das abfällig "Basarmethoden". Ich verteidige, dass es in unserer Partei verschiedene Positionen gibt – aber die Haltung, keine Verhandlungen aufzunehmen, selbst wenn es dazu eine Empfehlung gibt, das verteidige ich nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2004)

Zur Person

Nurten Yilmaz, 1957 in Söke (Türkei) geboren, seit 2001 Landtagsabgeordnete der SPÖ-Wien.

  • Nurten Yilmaz: "Aus den
Schlagzeilen entsteht ein
überspitztes Bild"
    foto: standard/cremer

    Nurten Yilmaz: "Aus den Schlagzeilen entsteht ein überspitztes Bild"

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