5.10.: Mut zur kreativen Lücke - Von Günther Nenning

8. Februar 2005, 12:36
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Schon wieder Post von diesem Nenning! - Offener Brief an Elfriede Jelinek und Peter Handke als Kommentar der anderen

Anlässlich der Vorstellung des vormaligen Austrokoffers auf der Frankfurter Buchmesse am Dienstag: Offener Brief an Elfriede Jelinek und Peter Handke.


Liebe Elfriede! Lieber Peter! Natürlich hätte ich euch gerne in der Landvermessung, vormals Austrokoffer. Aber Bittstellern gehört sich nicht und hilft auch nichts. Daher ist dies nicht das Thema dieses Briefes, sondern: Darf ich eine Sammlung österreichischer Literatur herausgeben, ohne Handke, Jelinek und vielleicht noch einige Promis? Muss es ein "repräsentativer" Kanon sein, in welchem keine(r) fehlen darf, sonst ist die Sache gestorben!?

Eine Landvermessung, eine Bibliothek österreichischer Literatur nach 1945, hat von vornherein nicht das Markenzeichen der Vollständigkeit. Eine Bibliothek. Eine Bibliothek. Welche Bibliothek ist vollständig? Mut zur kreativen Lücke. Sie schafft Platz für neue Kreationen.

Ich hätt' euch ja so gern drin. Aber ich bitte euch statt ums Drinsein um sonstige Hilfe. Nämlich um gelegentliche Mitteilung, ob Ihr der Meinung seid: Ohne Jelinek und Handke ist eine Sammlung österreichischer Literatur, bei allem Mut zur Lücke, trotzdem unmöglich. Oder geht es notfalls auch ohne Buch? Euch kennt eh jeder. So viele Autorinnen und Autoren, die gut sind, aber nicht euer Standing haben, sind heilfroh, mehr unter die Leut' zu kommen, zu volksbildend günstigem Preis, in hoher Auflage, in Österreich und in geeigneten EU- Ländern. Wollt Ihr ihnen das vermasseln?

Ich weiß, das ist eine blöde Frage. Ich weiß eure Antwort, ob sie nun stillschweigend kommt oder ausdrücklich. Ihr werdet antworten, und das ist die Wahrheit: Weder Jelinek noch Handke haben je agitiert gegen den Austrokoffer, was soll denn das, sie haben ja nur gesagt: wir gehen nicht hinein, und das wird doch noch sein dürfen.

Ich halte eure Antwort: Ohne uns kannst du deinen Koffer nicht machen – für ganz unwahrscheinlich. Wenn ich trotzdem frage, seht bitte darin meine Unsicherheit. Ich bin eisern entschlossen, aber ich habe meine Zweifel. Wille plus Zweifel: Antinomien sind das tägliche Seelenbrot.

Neulich schrieb ich einen Brief an Erich Wolfgang Skwara, Kofferfreund: ich bastle an einem liebevollen offenen Brief an Elfriede Jelinek und Peter Handke. Da ist er.

Die politische Zerklüftung reicht tief in die Literatur. Wenn's um eine Watschen für den Schüssel geht, ist Politik wichtiger als ein literarisches Projekt.

Aber ich hör' schon auf zu jammern und bin statt dessen immer euer

Günther Nenning*

PS: Ist Volksbildung ein reaktionäres Projekt?

*"Krone"-Kolumnist und Landvermesser in spe.

(DER STANDARD, Printausgabe, 05.10.2004)

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