"Österreich ist ein auslandsfaules Land"

8. Oktober 2004, 19:29
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Die österreichische Krankenschwester Katharina Sigl von Ärzte ohne Grenzen über vergessene und selbstvergessene Länder

Wien – "Österreich ist ein auslandsfaules Land. Weil wir so weit weg sind, interessiert uns nicht, was dort los ist. Außerdem sind das ja kleine Staaten, die man nicht so kennt. Und überhaupt kann man sich nicht um alles kümmern" – Katharina Sigl spricht mit einem gewissen Sarkasmus über ihre Erfahrungen mit Österreich und mit "vergessenen Ländern". Zweimal war die Krankenschwester für Ärzte ohne Grenzen in Afrika: Sechs Monate in Mauretanien, drei Monate in Burundi.

In Mauretanien hat die Kinderkrankenschwester ein Mutter-Kind-Zentrum aufgebaut, in Burundi hat sie mit einem mobilen Gesundheitszentrum Impfprogramme und Schwangerenvorsorge in Flüchtlingslagern betrieben. Gegenwärtig bereitet sich Sigl auf einen dreimonatigen Einsatz in der sudanesischen Krisenregion Darfour vor.

Bei beiden Auslandseinsätzen hat sie sich auf das ganz eigene Tempo der Menschen vor Ort einstellen müssen: "In Mauretanien geht alles viel langsamer. Da muss man sich wohl oder übel anpassen. Das ist gar nicht negativ gemeint, man ist gezwungen, die Dinge dann einfach viel gelassener anzugehen." Ihr stärkster Eindruck in Burundi sei indes die Geduldigkeit der Flüchtlinge in diesem Land gewesen, die trotz widrigster Umstände das Beste aus ihrem Leben zu machen versuchten. "In Afrika ^lachen die Menschen trotz allem immer noch mehr als in Österreich", sagt Sigl.

Zurück von ihren Einsätzen habe sich in ihrem "normalen" Arbeitsumfeld widergespiegelt, was die Studie über die "vergessenen Länder" beschreibt: "Man hat mich gefragt, wie es mir geht. Ob ich zu- oder abgenommen habe. Das war's dann auch", so Sigl, die früher in einem Kinderspital in der Onkologie gearbeitet hat und nun hauptberuflich im Wiener Ärzte-ohne-Grenzen-Büro mitarbeitet.

Andererseits: Österreich kenne in Mauretanien oder Burundi auch kein Mensch. Insofern habe sie sich dort nicht schwerer getan als andere. "Im Gegenzug ist das wohl das Gleiche." Nur eben mit weit reichenderen Folgen – für die vergessenen Länder. (pra/DER STANDARD, Printausgabe, 5.10.2004))

  • Katharina Sigl: nächste Mission Darfour.
    foto: ärzte ohne grenzen

    Katharina Sigl: nächste Mission Darfour.

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