Das Ritterspiel

12. Oktober 2004, 19:42
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Alle paar Wochen ruft irgendwer an und ist empört: Das Café Ritter stehe unmittelbar vor der Schließung...

Auch der Mann vom Fernsehen war beleidigt. Schließlich, sagte er, sei es doch keine Selbstverständlichkeit, dass er nicht einen seiner Befehlsempfänger vom Regionalprogramm anriefe, sondern mir den Zund liefere. Aber, empörte sich der bekannte Manager, was hätte ich getan? Geseufzt, gelacht und gesagt, ich hätte die Story in den letzten Jahren ungefähr einmal pro Monat als Insidertipp bekommen – und jedes Mal festgestellt, dass nichts dran sei.

Und weil ich nicht alle vier Wochen mit der selben Frage bei der Besitzerin anrufen könne, hatte ich erklärt, nähme ich – wie in den letzten zehn oder 15 Anlassfällen – das Risiko auf mich, eine Sensationsgeschichte vorüber ziehen lassen zu haben. Aber, hatte ich meinem Informanten angeboten, er könne die Nummer der Besitzerin des Kaffeehauses haben, anrufen und selbst fragen, was denn an der Geschichte dran sei. Und wenn ihm die Chefin des Café Ritter sage, es stimme, sie plane das Kaffeehaus an der Mariahilfer Straße zuzusperren, solle er mich wieder anrufen. Der Herr aus der ORF-Chefetage hat sich – in dieser Sache - nie wieder gemeldet. Und das Café Ritter gibt es immer noch.

Schließung

Die Geschichte ist so: Alle paar Wochen ruft irgendwer an und ist empört: Das Ritter stehe unmittelbar vor der Schließung. Und es sei ein Skandal, dass – wo doch alles schon unter Dach und Fach, der Mietervertrag mit den Cafétiers gekündigt, ein neuer mit dem Nachnutzer unterschrieben und die Innenausbauarbeiten schon terminisiert seien – sich niemand darum schere (und die Zeitungen schon gar nicht), dass wieder ein Stück Wiener Kaffeehauskultur zerstört werde: Statt dem Kaffeehaus solle die Filiale einer Parfumeriekette angesiedelt werden.

Doch nicht genug damit: Ob, und da ist dann die Frage schon Anklage und Urteil, ich allen Ernstes behaupten wolle, von den Geschehnissen in der Stadt auch nur ein bisserl etwas mit zu bekommen, wenn ich das nicht a) bereits wüsste und b) schon einen Kreuzzug zur Rettung der Wiener Kaffeehäuser plane. Aber so wie der Mann vom Fernsehen sind dann die meisten Kaffeehausretter beleidigt, wenn ich sie in der Mitte der Geschichte unterbreche, die Story zu Ende erzähle und frage, ob sie auch Kettenmails mit Knochenmarkspendenaufrufen oder Kontoeröffnungsbitten potentieller nigerianischer Ölmilliardenverschieber genauso bereitwillig glauben.

Schöne Angstphantasie

Denn die Mär von der unmittelbar bevorstehenden Ritter-Schließung ist einer dieser fliegenden Holländer im Gerüchtedschungel der Stadt – und scheinbar passt die Geschichte zu schön in die Phantasien von der Zerstörung und Vernichtung dessen, was Wien zu Wien macht, um sie nicht ewig weiter zu erzählen: Wahr, bestätigt die in Deutschland als Hoteldirektorin lebende Erbin des alten Kaffeehauses auf Anfrage eins ums andere Mal, wird die Geschichte aber auch dann nicht, wenn ich – oder Kollegen – sie im Dreiwochenrhythmus anrufen. Und es mache keinen Unterschied, ob wir sie wegen der Supermarkt-statt-Kaffeehaus-Version, der Drogeriemarkt-statt-Kaffeehaus-Version oder der Burgerfiliale-statt-Kaffeehaus-Version anrufen würden: Das Ritter aufzugeben, zu schließen, zu verkaufen oder wie das Café Museum zu Tode zu renovieren käme ihr nicht in den Sinn. Auch wenn die kolportierte Ablösesumme wirklich hoch sei.

Weil es mitunter ganz gut ist, sich auch eine zweite oder dritte Einschätzung zu holen (und weil es ja schon vorgekommen sein soll, dass ein Lokalbesitzer einen Frager anlügt), gibt es in solchen Fällen auch noch andere Anlaufstellen: Kaffeesiederverband oder Bezirksvorsteher etwa. Aber auch dort ist die Antwort jedes Mal gleich lautend: Das Gerücht komme wie der Schnupfen oder das schlechte Wetter alle paar Monate frisch und munter über die Stadt. Anfangs sei man da auch noch nervös geworden. Denn es sei sonnenklar, dass das Ritter eine hochinteressante Immobilie sei – aber Aussagen, dass Makler, Bankmenschen, Investoren, interessierte Nachnutzer oder gar die Hausbesitzer selbst (der Kreis der Bezichtigten gehört jedes Mal zu den potenziellen Nutznießern einer Schließung) es dem Bekannten einer Verwandten eines Kollegen unter dem Siegel der Verschwiegenheit gesteckt hätten, hätten sich nie zu einer festmachbaren Quelle zurückverfolgen lassen.

Aber vielleicht diesmal? Vorgestern nahm mich dann ein in Wirtschafts- und Immobilienfragen versierter und stets bestens informierter Kollege zur Seite: Er könne die Story selbst nicht schreiben, weil er seinen Informanten damit bloß stellen würde – aber er habe gehört ... und so weiter. Ich spulte meine Ritter-Geschichte ab. Natürlich war der Kollege beleidigt: Er sei schließlich nicht irgendwer. Seine Tipps hätten Substanz. Wenn ich mir dafür zu gut sei, würde er sie eben jemand anderem geben – und in ein paar Wochen würde ich dann vor der Baustelle im einstigen Café Ritter stehen – und ihn um Vergebung anflehen. Aber dann wäre es zu spät – und dafür, dass ich dann mit Schuld daran trüge, dass Wiens Kaffeehauskultur zerstört wird, könne und wolle er mir sicherlich nicht die Absolution erteilen. Vielleicht hat der Mann – oder der übernächste in zwei Monaten - ja recht. Trotzdem: Ich werde die Besitzerin des Kaffeehauses nicht schon wieder anrufen.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg. Jede Woche auf derStandard.at/Panorama

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    Panorama

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.
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