Ungeschossene Tore kassieren

18. Februar 2005, 14:39
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Mit Risikobereitschaft in Zeiten der Krise hat der Lette Janis Vitols ein mittlerweile ansehnliches Unternehmen aufgezogen...

... Ständige Bereitschaft zur Veränderung ist die Strategie. Am Ball bleiben die Devise.

"Derzeit denke ich daran, mein Unternehmen anders auszurichten. Wenn du dich lange Zeit nicht vorwärts bewegst und ein vernünftiges Risiko eingehst, kommt es einem Schritt nach hinten gleich", sagt Janis Vitols, Mitinhaber der lettischen Firma Lielais Kristaps. Bis zum Unternehmen war es ein riskanter und mühsamer Weg.

Als die Perestroika einsetzte, studierte Janis noch Wirtschaft. Es herrschte völliges Chaos - die alten Sowjetgesetze funktionierten schon nicht mehr, die neuen noch nicht. "Diese Situation nützten viele. Das Geld lag auf dem Boden, und nur gänzlich Unflexible haben es nicht aufgehoben."

Warum er die Universität vorzeitig verließ, erklärt der 35-Jährige so: "Das ganze Lehrpersonal stammte aus der Sowjetzeit und verstand sich auf die Ökonomie der Sowjetperiode. Das Leben jedoch hatte sich schnell geändert, sodass sie mit den neuen Realitäten nicht zurechtkamen. Wir Studenten verstanden besser, wo und wie man irgendwelche Waren kaufen und verkaufen beziehungsweise wie man eine Firma gründen konnte."

Die Inflation hatte die Ersparnisse und das Gehalt des Vaters, der als Chefchirurg lächerliche 15 Dollar verdiente, aufgefressen. Die Umstände zwangen Janis zum Geldverdienen. In die superlukrativen Sektoren wie Benzin-, Metall-oder Computerhandel konnte er nicht einsteigen, dort operierte die Mafia.

Deshalb tat er sich mit seinem Freund Normand zusammen und versuchte sich in vielen verschiedenen Bereichen - Handel mit Kleidung, Tapeten oder Lebensmitteln, auch mit elektronischen Geräten und sogar mit Autoladern. Um schließlich bei Wasch- und Putzmitteln zu landen.

Auf diese Weise "kooperierten" Janis und Normand einige Jahre lang mit Russland, bis schließlich in Polen Procter & Gamble sowie Henkel ihre Produktion eröffneten. Ihre Produkte waren natürlich teurer als die russischen, ihre Qualität freilich auch besser- außerdem begleitet von einer mächtigen Werbemaschinerie. Die beiden Jungunternehmer begannen, ihre Firma nach Polen auszurichten, zumal dorthin das Geld auch via Bank überwiesen werden konnte.

Lielais Kristaps wurde zum offiziellen Distributor von Procter & Gamble und Henkel in Lettland. "Bleibt der Schritt nach vorne aus, ist es ein Rückschritt", war der strategische Leitsatz über alle Jahre.

"Plötzlich dachte ich mir: Weshalb sollen wir für Speditionen zahlen, statt gleich selbst damit zu verdienen?" Gesagt, getan. Janis investierte in sechs gebrauchte Lkw und entdeckte gleich noch einen weiteren Zweig: An wirtschaftlich lukrativen Plätzen wurden große Lagerflächen angemietet und dort fortan Logistikservice verkauft. So hatte man sich zu einem ansehnlichen Betrieb mit über 50 Beschäftigten hochgearbeitet, bis Lettland dann im Mai dieses Jahres der EU beigetreten ist: "Seither kommen finanzstarke westliche Firmen auf unseren Markt, und das Konkurrenzniveau ist kräftig gestiegen. Außerdem hat sich die Konjunktur des Marktes verändert. Die Gewinnspanne bei Putz- und Waschmitteln ist kleiner geworden, während Spedition und Lagerflächendienstleistung großen Gewinn abwerfen. Wir überlegen daher, unsere Stammfirma, die einige Millionen Lat (1 Lat = 1,5 Euro) wert ist, zu verkaufen und uns ganz auf den neuen Sektor zu konzentrieren."

Der leidenschaftliche Schachspieler hat die Transportflüsse geografisch genau studiert und ist zu einem plastischen Vergleich gelangt: "Europa kann man mit einer Flasche vergleichen, deren Öffnung nach Russland weist und deren Hals Lettland ist. Damit kann man gut verdienen." Die Erfahrungen mit den Besonderheiten des russischen Marktes sieht Janis als klaren Konkurrenzvorteil. Was würde Janis anders machen, wenn er heute am Beginn seiner Karriere stünde? "Von Kindheit an bin ich vernarrt in Autos, und wahrscheinlich würde ich Fahrzeugtechniker werden", sagt Janis, dem das Geld anscheinend nicht zu Kopf gestiegen ist und der immer noch mit einem alten Kleinwagen à la Columbo unterwegs ist. Nur wenige Minuten gönnt er sich die Fantasien des Autonarrs, gleich ist er wieder bei den wirtschaftlichen Ideen für die Spedition: "Um am Ball zu bleiben, denn es ist wie beim Fußball: Die Tore, die du nicht schießt, kassierst du." (Der Standard, Printausgabe 2./3.10.2004)

Von Eduard Steiner
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