Computerauge statt Pi mal Daumen

11. Oktober 2004, 11:21
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Eine heimische Software, die bei Wunddiagnostik hilft, hat international Erfolg

Im Schnitt wird jeder zehnte Patient nach einer Operation Opfer einer Wundinfektion. Krankheitserreger - wie die in Zusammenhang mit Antibiotika-Resistenzen von Krankenhäusern gefürchteten Staphylococcus aureus - dringen in die Wunde ein und verzögern den Heilungsprozess. Je nach Ausmaß der Infektion heißt das mindestens bis zu zwei Wochen länger im Krankenhaus bleiben. Das belastet nicht nur den Patienten, sondern auch das Budget. In Österreich belaufen sich die dadurch verursachten Mehrkosten im stationären Bereich auf geschätzte 250 Millionen Euro im Jahr. Die Nachbehandlungen in den Ambulanzen können sich über Wochen bis Monate hinziehen.

Wie für jede Behandlung ist auch bei einer Wundinfektion die richtige Diagnose entscheidend. Doch während in anderen Bereichen Mediziner sich mit Batterien von Tests und allerlei Hightechgerätschaft Unterstützung holen können, ist der Wundarzt auf seine fünf Sinne angewiesen. Um den bereits erzielten Heilungserfolg und damit die weitere Therapie bestimmen zu können, muss gesundes und krankes Gewebe zum einen als solches und zum anderen in ihren Größenverhältnissen zueinander korrekt ermittelt werden. Leider spielen gerade dabei die Sinne ihre Streiche. "Das menschliche Auge ist nicht dazu imstande, Größe zu beurteilen", sagt Thomas Hölzenbein von der Uniklinik für Chirurgie am Wiener AKH.

Geschätzte Farbzusammensetzungen

Forscher um Jan Mekkes vom Academic Medical Center der Universität Amsterdam ließen Dermatologen - also Professionisten der Wundbeurteilung - die Verhältnisse der Farben in rot-schwarzen Testfiguren schätzen. Nicht nur, dass sich die Angaben unter den Dermatologen stark unterschieden; sechs Monate später - ohne ihr Wissen mit denselben Figuren konfrontiert - beurteilte auch ein und derselbe Dermatologe die Farbzusammensetzung wieder völlig anders.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Hölzenbein und sein Kollege Thomas Wild, die Pflegepersonal wie Ärzte zur Wunddiagnose baten und die Anteile der farblich unterschiedlichen Gewebearten Granulation, Nekrose und Fibrin erfragten. Eine von den beiden Medizinern entwickelte und vom Softwarekompetenzzentrum Hagenberg professionalisierte Software soll die Wunddiagnostik über die Pi-mal-Daumen-Schätzung hinausbringen. Die Idee ist einfach: Die leicht zu irritierenden Sinne des Menschen werden durch den unbeirrbaren Blick des Computers ersetzt. Neben der Software braucht es nichts weiter als eine Digitalkamera. Zur Not tut es auch ein herkömmliches Foto. Die Software berechnet die Größe der Wunde sowie die Anteile der drei Wundgewebearten.

Liegedauer reduziert

Am Wiener AKH ist die Software seit zwei Jahren im Einsatz. "Wir haben allein an der Abteilung für Allgemeinchirurgie die Liegedauer von Patienten mit Wundinfektionen aufgrund der Optimierung der Therapiekonzepte um 3,4 Tage reduzieren können", so Wild. Auf das gesamte AKH umgelegt ergibt sich daraus ein Einsparungspotenzial von 782.000 Euro in nur zehn Tagen. Zahlen, die zur Nachahmung anregen. Beispielsweise arbeitet das AKH in Linz mit der Software. Ebenso die Forschungsabteilung des US-Unternehmens KCI, einer der weltweit führenden Hersteller von Medizinprodukten. Am Diabetic Foot Center der Harvard-Universität und an der Universität Bern läuft die Software aktuell in einer Testphase. (Martina Gröschl/DER STANDARD; Printausgabe, 4.10.2004)

  • Auch das richtige Pflaster an der richtigen Stelle konnte die bisher mangelhafte Wunddiagnostik nicht verbessern.
    foto: der standard

    Auch das richtige Pflaster an der richtigen Stelle konnte die bisher mangelhafte Wunddiagnostik nicht verbessern.

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