Erasmus in Zwergistan
von Harald Wilfing

16. Dezember 2004, 10:20
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Oder: Wo in der Bildungspolitik die kleinen Kerle wohnen - Anmerkungen zur ministeriellen Erklärung, die Bezugsdauer von Erasmus-Stipendien zu halbieren

Erasmus - das ist nicht nur der Name des großen niederländischen Humanisten des frühen 16. Jahrhunderts, sondern dient - in der akronymverliebten EU-Bürokratie - auch als Bezeichnung für "EuRopean Action Scheme for the Mobility of University Students". Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich das Aktionsprogramm der Europäischen Gemeinschaft für die Zusammenarbeit im Bildungsbereich. Angesichts der Vita des Erasmus von Rotterdam, die ihn an Wissensstätten in halb Europa führte, ist dieses Akronym allerdings durchaus programmatisch:

Mithilfe eines Erasmus-Stipendiums können Studierende relativ unbürokratisch an einer ausländischen Universität studieren. Die dort absolvierten Lehrveranstaltungen werden dann an der Heimuniversität angerechnet, wodurch - wichtig etwa für Stipendien und Kinderbeihilfeauszahlung - keine Verlängerung der Studienzeit durch den Auslandsaufenthalt entsteht. Behauptungen, wonach ein Erasmus-Aufenthalt quasi ein gut bezahlter Auslandsurlaub ist, entbehren daher jeder Grundlage. (Studierende müssen die Lehrveranstaltungen erfolgreich absolvieren, andernfalls werden sie nämlich veranlasst, die erhaltene Unterstützung zurückzubezahlen.)

In diesem durchaus verbreiteten Vorurteil liegt allerdings sogar ein Körnchen Wahrheit verborgen: Das Erasmus-Programm der EU versteht sich primär als fördernde Maßnahme zur Horizonterweiterung der Studierenden, indem es ihnen ermöglicht, andere Universitäten und Ausbildungswege kennen zu lernen und, abseits der Universitäten, in andere regionale europäische Kulturen einzutauchen.

Auslandsstipendium ...

Ziel ist also auch die Verstärkung der "geistigen Mobilität" der Studierenden mit der mittelfristigen Option, Europa auch auf dem Wege einer weltoffenen Universitätspolitik zusammenwachsen zu lassen.

Nun wurde von österreichischer Seite eine Abänderung das Erasmus-Programms angekündigt, derzufolge künftig nur mehr Aufenthalte bis zu einer Maximaldauer von sechs Monaten gefördert werden sollen, während bisher bis zu zwölf Monate möglich waren. (Das Erasmus-Stipendium wird nämlich aus zwei Quellen gespeist - aus nationalen Fördertöpfen und aus dem Bildungsbudget der EU.)

Begründet wird diese Maßnahme mit dem erhöhten Andrang der Studierenden - und auf den ersten Blick mag die angepeilte Lösung, durch Reduzierung der Aufenthaltsdauer möglichst allen Antragstellern einen Platz zu verschaffen, vielleicht sogar einleuchtend erscheinen. Bei näherer Betrachtung allerdings entpuppt sich diese Maßnahme als bildungspolitischer Rohrkrepierer. Denn anstatt, wie allseits vollmundig verkündet, die Europäische Integration im (universitären) Bildungsbereich zu fördern, wird durch eine solche Verminderung der maximalen Aufenthaltsdauer der Kerngedanke des Erasmus-Programms de facto ad absurdum geführt. Als langjähriger Erasmus-Koordinator an der Fachgruppe für Biowissenschaften der Fakultät für Naturwissenschaften und Mathematik der Universität Wien weiß ich aus Erfahrung: Ein sechsmonatiges Auslandsstudium kann bestenfalls flüchtige Eindrücke vermitteln. Für das Kennenlernen im Sinne des europäischen Integrations- und Mobilitätsgedankens ist diese Frist allerdings (mindestens um die Hälfte!) zu kurz.

... für Politiker?

Dieser Befund kann auch dadurch belegt werden, dass Stipendienwerber/innen, die an der Fachgruppe zunächst nur sechs Semester beantragt haben, sehr häufig die Möglichkeit einer Verlängerung in Anspruch nahmen. Auch die Bürokratie des Studienaustausches ist europaweit auf Zwölfmonatsstipendien eingestellt: An bestimmten Partneruniversitäten muss im Falle von zwei Sechsmonatsstipendien sogar ein Ansuchen auf Teilung des Studienplatzes gestellt werden, dem, der Erfahrung nach, keineswegs immer stattgegeben wird.

Der vordergründig vielleicht als logisch empfundene Vorschlag, die Maximaldauer von Erasmus-Stipendien auf sechs Monate zu beschränken, um damit dem vermehrten Andrang entgegenzukommen, erweist sich somit als nachgerade peinlicher Beleg für das kleingeistige Unverständnis der politisch Verantwortlichen. Wie wäre es mit einem Erasmus-Stipendium zwecks Horizonterweiterung? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.10.2004)

Harald Wilfing ist Professor am Institut für Anthropologie der Universität Wien.
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