Alles in Ordnung?

8. Oktober 2004, 20:27
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Menschen brauchen Ordnungen - aber wel­che und wie viel? Über verloren gegan­gene Tra­ditionen und die Struktur der modernen Welt

In Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften ist es ausgerechnet der General Stumm von Bordwehr, der sich auf die Suche nach dem Verhältnis von Geist und Ordnung begibt und dabei zu folgendem Befund gelangt: "Jetzt stell dir bloß eine ganze, universale, eine Menschheitsordnung, mit einem Wort eine vollkommene zivilistische Ordnung vor: so behaupte ich, das ist der Kältetod, die Leichenstarre, eine Mondlandschaft, eine geometrische Epidemie! . . . Irgendwie geht Ordnung in das Bedürfnis nach Totschlag über."

Vollkommene Ordnung als geometrisches Phantasma, als Inbegriff der Erstarrung: Das Wissen, vielleicht auch nur die Ahnung davon lässt uns skeptisch sein gegenüber Ordnungen, die zutiefst lebensfeindlich sind. Es sind nicht zuletzt die Erfahrungen mit den totalitären Systemen dieses Jahrhunderts, die uns diesen Zusammenhang zwischen Ordnung und Tod drastischer vor Augen geführt haben, als es sich der kakanische General je hätte denken können. Die in Reih und Glied marschierenden und aufmarschierenden Menschenmassen im nationalsozialistischen Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion, die staatlichen Ordnungen, vom Blockwart bis zur Geheimpolizei, die in diesen Systemen alle Bereiche des Lebens zu erfassen versuchten, zu organisieren und zu observieren, die Omnipräsenz von Ordnungssymbolen wie Fahnen, Spruchbändern, Abzeichen, Emblemen in solchen Gesellschaften, die Allgegenwärtigkeit der Uniform und die damit einhergehende auch geistige Uniformierung zeigten nachdrücklich den Zusammenhang zwischen Ordnungswahn und Aggressivität, zwischen Ordnungsliebe und dem Hass auf alles Abweichende, das sich nicht fügte und die Reinheit der Partei, der Bewegung oder des Volkes gefährden hätte können, diese Systeme zeigten den Zusammenhang zwischen bis ins Kleinste von zentralen Stellen geordneten Lebensverhältnissen und einem ebenso geregelten Weltbild, das mit den simpelsten Schemata auszukommen pflegte.

Wenn Willkür und Faustrecht herrschen ...

Trotz dieser historischen Erfahrungen mit totalitären Systemen wissen oder ahnen wir aber auch, dass das Gegenteil von Ordnung - grenzenlose Freiheit, Anarchie, Beliebigkeit, Chaos - einen Zustand schaffen würde, in dem das Zusammenleben von Menschen unmöglich wird. Wenn Willkür und Faustrecht herrschen und alles erlaubt erscheint - wie etwa in Zeiten länger dauernder Bürgerkriege mit mehreren Parteien - dann wird Leben zum nackten Kampf ums Überleben, bei dem nicht zuletzt die Schwachen so gut wie chancenlos sind. Menschen brauchen also Ordnungen - aber welche und wie viel?

Ordnung im sozialpolitischen Sinn war, zumindest in der abendländischen Tradition, immer verstanden worden als das Verhältnis von Teilen zu einem Ganzen. Ob dieses Ganze nun als Stadt, wie die griechische Polis, oder als Imperium, wie in Rom, bestimmt war, ob die Teile als einzelne Bürger oder als spezifische Schichten oder Klassen bestimmt waren - es ging darum, Regeln und Prinzipien zu finden, nach denen sich das Verhalten der Teile untereinander und zum Ganzen gestalten sollte. Dass in der Antike wie im christlichen Mittelalter die Ordnung der Gemeinschaft noch analog gedacht werden konnte zur göttlichen Ordnung des Kosmos, dass das ordnungsstiftende Denken, die Vernunft, sowohl als Ausdruck wie auch als Werkzeug dieser Ordnung gedacht war, unterstreicht den Anspruch, auch noch die Ordnung der Gemeinschaft in einer höheren Ordnung der Dinge eingebettet zu wissen. Gleichzeitig aber herrscht auch seit der Antike ein Bewusstsein davon, dass die Ordnungen der Menschen eben keine naturwüchsigen sind, sondern immer erst hergestellt werden müssen. Jede Idee von Ordnung ist schlechterdings normativ.

Traditionelle Ordnungen haben ihre Bedeutungen verloren

Der moderne Begriff des Individuums denkt dieses prinzipiell als frei, entlassen aus allen Ordnungen und aufgefordert, diese, wo notwendig, selbst zu entwerfen. Die traditionellen Ordnungen haben ihre Bedeutungen verloren. Religionen etwa definieren sich selbst immer mehr als Dienstleistungsbetrieb für Individuen und gerade nicht mehr als Ausdruck und Garant einer heiligen Ordnung; die Familie, über Jahrtausende durch die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau und die Dominanz des Mannes über Frau und Kinder gekennzeichnet, hat ihre Bedeutung als Keimzelle des Staates verloren und mutiert zu einer Organisationsform des privaten Lebens, die sich in unterschiedlichster Weise ausdrücken kann - vom Singlehaushalt über die konventionelle Kleinfamilie bis zur homosexuellen Lebensgemeinschaft mit adoptiertem Kind; das Bildungswesen, einstens in streng voneinander getrennte Bildungsgänge und Zugänge geordnet, hat sich aufgefächert zu einem universalen Anspruch auf Bildung, von dem zurzeit aber kaum jemand zu sagen wüsste, wie er wirklich sinnvoll eingelöst werden kann; Weltanschauungen, die vor allem seit dem 19. Jahrhundert anstelle der Religionen die Ordnung der Welt- und Sinndeutungsmöglichkeiten übernommen hatten und den Menschen damit oft auch eine soziale und politische Position einräumten - Sozialist, Kommunist, Liberaler oder Christlich-Sozialer zu sein bedeutete einmal mehr, als nur ein Wahlkreuz zu machen -, haben mittlerweile ihre Glaubwürdigkeit und Verbindlichkeit eingebüßt und besetzen nur mehr eine kleine Nische im großen Markt der angebotenen Sinnsysteme.

Es scheint also, als ob der moderne Mensch in einer pluralistischen Gesellschaft ohne Ordnungen auskommen müsste, allein gelassen in einem Meer der Möglichkeiten, in dem er hilflos herumschwimmt, ohne einen Horizont ausmachen zu können. Dieser Schein aber trügt. Jedes soziale Zusammenleben erfordert Ordnungen.

Ein Zusammenleben von tendenziell autonomen Individuen mit relativ viel Freiheitschancen erfordert, diese These sei einmal gewagt, umso striktere Ordnungen. Je besser eine moderne Gesellschaft im liberalen, nicht im totalitären Sinne funktioniert, desto stärker müssen die Ordnungsparameter sein, die dafür sorgen, dass die verbriefte und wahrgenommene Freiheit der Einzelnen das Ganze nicht permanent an den Rand einer Krise bringt. Die Moderne musste deshalb Ordnungssysteme generieren, die prinzipiell anders sind als die traditionellen Ordnungssysteme. Diese Ordnungssysteme, um nur die wichtigsten zu nennen, sind: der Rechtsstaat, der Markt, die Technik und die Medien. Sie ersetzen den Feudalstaat, die Moral, die Religion und die Ideologie.

Formaler Rahmen des Rechtsstaats

Der Rechtsstaat gibt jenen formalen Rahmen ab, der garantieren soll, dass der einzelne Bürger als Subjekt, jenseits von qualitativen Bestimmungen wie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Religion etc., in seiner personalen Integrität nicht verletzt wird; der Markt, vielleicht eine der folgenreichsten Erfindungen der Menschheit, übernimmt die Verteilung der Güter und tritt damit einerseits an die Stelle religiöser oder philosophischer Gerechtigkeitskonzepte und andererseits an die Stelle sozialer Differenzierungsmechanismen: Die Vorrechte und Benachteiligungen von Geburt, Geschlecht oder sozialem Stand werden ersetzt durch die Intensität der Beteiligung am Arbeits- und am Gütermarkt. Die Technik wiederum erlaubt es, die alten Ordnungen der Disziplin und Selbstdisziplin, der personalen Abhängigkeit und Unterwerfung durch einen kühlen Sachzwang zu ersetzen. Sie modelliert unser alltägliches Verhalten, unterwirft es einer Norm und macht das soziale System damit relativ resistent gegen individuelle Freiheitsanfälle. Die Straßenverkehrsordnung ist vielleicht das anschaulichste Beispiel für solche durch Technik gesetzte Ordnung: Die Freiheit der Mobilität wird durch den Autoverkehr in ein allgemeines technisches und soziales Korsett gepresst, das garantiert, dass jeder sich als Einzelner frei fühlt, aber alle sich auf den gleichen Bahnen mit den gleichen Mitteln in der gleichen Weise mit den gleichen Gesten und den gleichen Flüchen auf den Lippen, die gleichen Verkehrsmeldungen im Radio hörend, im Stau langsam fortbewegen. Damit sind wir bei den modernen Medien, die nicht die Aufgabe haben, die Meinungsfreiheit zu verwirklichen, sondern diese einer einheitlichen Ordnung zu unterwerfen. Was früher durch Terror und Zensur nur mangelhaft erreicht wurde, ist jetzt die Funktion der Massenmedien: die Herstellung eines einheitlichen Bewusstseins, das den sozialen Verkehr von Individuen, die sonst wenig miteinander verbindet, überhaupt erst ermöglicht. Hätte jeder wirklich seine eigene, individuelle Meinung, würden wir nicht einmal die einfachsten sozialen Transaktionen durchführen können.

Auf die Frage nach dem nötigen Quantum von Ordnung gibt es keine quantifizierende Antwort - sondern diese selbst ist ein Balanceakt. Auch unter modernen Bedingungen stellt sich so die alte Frage nach dem Verhältnis von Freiheit und Ordnung, nach dem Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen immer wieder. Ihre Beantwortung ist gerade in einer dynamisch-pluralistischen Gesellschaft programmatisch kaum möglich, sondern nur als täglicher Kampf um jenes Mindestmaß an Ordnung, das das Leben ermöglicht und erleichtert, ohne Züge jener Leichenstarre anzunehmen, vor der dem Musil'schen General so schauderte. (DER STANDARD, Album, 2.10.2004)

Von Konrad Paul Liessmann
  • Artikelbild
    illustration: fatih aydogdu
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