Ein Frust, klamm wie die Nacht

7. Februar 2005, 17:48
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Das große Erklärungsmedium dieses Landes kennt keine Gnade, wenn es gilt, seinen Lesern das schlechthin Böse in Gestalt des Ausländers zu erklären ...

Das große Erklärungsmedium dieses Landes kennt keine Gnade, wenn es gilt, seinen Lesern das schlechthin Böse in Gestalt des Ausländers zu erklären. Am Donnerstag etwa brachte die "Kronen Zeitung" auf ihrer Leserbriefseite ein Porträt von Fischgesicht Verheugen mit der Erklärung, warum die SPÖ in der Frage eines EU-Beitritts der Türkei richtig liegt: Solange dieses Fischgesicht (Verheugen) EU-Erweiterungskommissar ist, wird es nicht besser, nur schlechter, darum raus aus diesem Verein und her mit unserem guten Schilling.

Leider tritt das Böse nicht nur als Fischgesicht auf, sondern auch als dunkle Masse. Dann mobilisiert das Blatt doch lieber den redaktionellen Exorzisten, dessen stilistisches Talent garantiert, dass selbst die Pforten der Ausländerhölle ihn lieber ausspeien als verschlingen. Unter dem Titel Wenn es Nacht wird in Traiskirchen . . . lieferte er Mittwoch Stimmung aus Knotzer-City.

Das Mitgefühl mit Asylanten aus fernen Ländern darf und soll das Mitgefühl mit den unter der Flüchtlingspolitik Ernst Strassers schmachtenden Traiskirchnern nicht ersticken. Dafür gibt es keinen besseren Garanten als Michael Jeannée, der Reporter, der die Strapazen weiter Reisen nicht scheut, um seine Leser vorurteilsfrei zu informieren. Ich bin irgendwo in Afrika. Nigeria, Burundi, Gambia. Und in Tschetschenien. Und in der Mongolei. Und in Aserbeidschan. Und in Moldawien. Wer nach Traiskirchen fährt kommt eben in der Welt herum.

Und es ist keine schöne Welt. Fremdländische Menschentrauben - eine stilistische Referenz vor dem einstmals idyllischen Weinort - strömen vom Lager, zum Lager. Und - noch - ein paar Einheimische, die ihre Geschäfte zusperren. Der Frisör, die Blumenhändlerin, der Apotheker: Ladenschluss in Burundi. Dann - die Nacht, die Dunkelheit. Die Menschenschatten verschmelzen mit der Dunkelheit. Welch ein Schmelz!

Die Dunkelheit vermag den Blick des Globetrotters aber nicht zu trüben. Im Häuschen an der Bushaltestelle: Asylanten. Um die Telefonzellen bei der Badner Bahn: Asylantenschlangen. Vor der Volksschule: Asylantentrauben. Von den Traiskirchnerinnen und Traiskirchnern keine Spur mehr. Es ist acht Uhr abends . . . und die Angst und der Frust haben sich in die Häuser der Weinstadt zurückgezogen. Und sind doch so präsent und klamm wie die Nacht, wie die in steter Bewegung sich schiebenden und murmelnden Schatten.

Plötzlich findet er von den Traiskirchnerinnen und Traiskirchnern doch wieder eine Spur, und zwar über die Wut, die sich jetzt in den Traiskirchner Stadtsälen Luft macht. Dort veranstaltete - welch glückliche Fügung! - der "KURIER" gerade eine Podiumsdiskussion, um auch dem "Krone"-Leser einen Blick ins Herz der Finsternis zu ermöglichen: "Seit dem Fall Omofuma traut sich doch niemand mehr in diesem Land einen Schwarzafrikaner abzuschieben." Schon boshaft von diesem Omofuma, einfach mit verklebtem Mund zu sterben - so viele murmelnde Schatten könnte man ruhigen Gewissens abschieben! Einen der Schatten zu fragen, wie es sich in Traiskirchen so murmelt, wäre möglich gewesen, aber wen interessiert 's?

Kein Wunder, dass angesichts solcher Brillanz auch andere Blätter Erklärungsehrgeiz entwickeln. Der Versuch, aus der bewährten Institution "Die Presse" (Styrias Horst Pirker) ein "Erklärungsmedium" (Cheferklärer Michael Fleischhacker) zu machen, wie ihn nun eine der größten journalistischen Begabungen in Österreich (Pirker über den Nachfolger Andreas Unterbergers) in einem zweiten Relaunch gestartet hat, kann seit vorgestern als gelungen betrachtet werden.

Donnerstag erschien "Die Presse" auf Seite 1 mit einer grafischen Aufmachung, die sie sich eins zu eins vom britischen "Independent" abgeschaut und einem offenen Brief internationaler Prominenz gegen Putin, den die "Financial Times Deutschland" bereits einen Tag zuvor auf Seite 14 veröffentlicht hat. Als Erklärung bietet sich an, dass die Meldung vom Rücktritt Krenns in der Aufmachung des "Independent" die Leser des Erklärungsmediums noch stärker überfordert hätte als sie dies zunehmend ohnehin sind.

Pirkers Forderung, aus der "Presse" eine Zeitung zu machen, die auch in einem internationalen Vergleich zur absoluten Spitze der Innovation aufschließt, kann somit als erfüllt betrachtet werden. Jetzt müssen nur noch jene Leser die absolute Spitze der Innovation zu spüren bekommen, für die die Absetzung von Andreas Unterberger eine unverhohlene Brüskierung und ein kulturpolitisches Armutszeugnis darstellt. An Takt fehlt es dabei nicht. Im Bericht über einen Ironimus-Staatsakt wurde Unterberger unter den Adabeis aufgeführt. "Die Presse" war durch Chefredakteur Michael Fleischhacker und Geschäftsführer Hans Metzger vertreten.

Das ist Innovation! Und Pirker zu Unterbergers Qualitäten: Seine Ablöse ist deshalb subjektiv ungerecht, aber, im Blick auf neue Ziele und neue Wege, objektiv notwendig. Das ist objektiv ungerecht. Ich habe Andreas Unterberger sehr gerne gelesen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2004)

Von Günter Traxler
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