Der Mann ohne eigenen Namen

8. Oktober 2004, 23:47
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Heinz R. Ungers Roman "Löwenslauf" erzählt die Geschichte von "Lapinksi", der den Namen eines längst toten Mannes angenommen hat

In einem Wiener Spital liegt ein alter Mann im Sterben. Er trägt seit Jahrzehnten einen falschen Namen: Lapinski. Es ist ein Name von einem Holzkreuz in Frankreich, der Name, der in seinen Papieren steht. Es sind die Papiere eines Toten. Heinz Unger erzählt die Geschichte dieses Mannes in verschiedenen Zeitebenen. Lapinski, das Kind jüdischer Uhrmacher in Wien, wird von seinen Eltern vorausahnend zu Geschäftspartnern nach Frankreich geschickt. Die arbeiten für den Widerstand, sie verstecken den Jungen. Als die deutschen Besatzer ihn ergreifen, schicken sie ihn in die Zwangsarbeit.

In der Nachkriegszeit landet Lapinski wieder in seiner Heimatstadt Wien. Es ist das geteilte Wien aus dem Dritten Mann, Trümmerfrauen und Schwarzmarkthändler prägen das tägliche Leben. Heinz Ungers großes Thema ist das der Wurzellosigkeit, der geraubten Heimat, der geraubten Vergangenheit und die Suche nach einer Identität, die Halt bietet in einer unsicheren Welt. Lapinski, der Mann ohne eigenen Namen, stilisiert sich selbst zum Löwen. In Einschüben, die "Konvolut" genannt werden, beschreibt er sein Bild von sich. Ein Einzelgänger ohne Bindungen, der sich nicht mit den anderen Tieren gemein macht. Lapinski hat die Marotte, in anderen Menschen die typischen Züge eines Tieres verkörpert zu sehen. Der junge kommunistische Polizist, den er in einer gefährlichen Phase seines Lebens trifft, heißt fortan "Fuchs". Fuchs wird in sporadischen Begegnungen Zeuge, wie Lapinski sich so etwas wie eine Familie zusammensucht. Aber wie das manchmal so ist bei Familien, die erhoffte Harmonie und Nestwärme stellen sich nicht ein. Die Mitglieder driften auseinander und sind doch immer widerwillig miteinander verstrickt. Löwenslauf-Lebenslauf, in diesem Wortspiel versteckt sich die brüchige Selbstdefinition in seiner inneren Welt, die Unbehaustheit, die Lapinski an die jüngeren Generationen weitergibt. Unger hat Löwenslauf mit ein paar Krimielementen versetzt, aber da es das Vermögen eines Menschen übersteigt, zwischen Schuld und Unschuld klare Trennungen zu erkennen, kommt auch der alte Fuchs mit seinen Nachforschungen nicht wirklich an ein befriedigendes Ende. In den biografischen Miniaturen der seltsamen Existenzen spiegelt sich in winzigen Splittern die Geschichte des 20. Jahrhunderts wider, nicht abstrakt, sondern lokal verortet und überaus anschaulich. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.10.2004)

Von
Von Ingeborg Sperl
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    Heinz R. Unger:
    Löwenslauf
    € 19,90/239 Seiten. Haymon, Innsbruck, Wien 2004.

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