Achtung, Ritter von rechts!

8. Oktober 2004, 23:47
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Grandios und sperrig: "Die Kinder der Finsternis", des 1960 im Alter von nur 47 Jahren verstorbenen deutsche Autors Wolf von Niebelschütz

Der 1960 im Alter von nur 47 Jahren verstorbene deutsche Autor Wolf von Niebelschütz, Abkömmling eines, wie Biografien trocken vermerken, "schlesisch-böhmischen Uradels", mag zwar ein Kind einer Zeit gewesen sein, die den Zweiten Weltkrieg gewöhnlich vornehm aus der Vita ausspart. Während dem Krieg agierte Niebelschütz immerhin laut seinem alles andere als seinem Untersuchungsgegenstand gegenüber übertrieben kritisch eingestellten Biografen Michael Schweizer nach bescheidenen Anfängen als Journalist und Literaturkritiker als "politischer Schriftleiter in der geistigen Truppenführung", sprich als Redakteur von Wehrmachtszeitungen im besetzten Frankreich: "Geist und Kriegertum, zeitlose Erdhaftigkeit und wortloser Adel".

Und ausgerechnet als 1943 die Tragödie von Stalingrad und damit das Kriegsgeschick ihren Lauf und seine Wende nahm, begann der damalige Anhänger der Schriften von Ernst Jünger für die nächsten sieben Jahre intensiv an seinem mit 1000 Seiten nicht gerade knapp bemessenen, allerdings unbedarften Opus magnum, einem im 18. Jahrhundert angesiedelten "galanten Roman" namens Der blaue Kammerherr zu schreiben. Der beglückte bei seinem Erscheinen Ende der 40er-Jahre wegen seiner Protagonistin, einer gewissen Prinzessin Danae laut damaliger Kritik vor allem die junge Damenwelt; trotz seiner unverhohlenen ideologischen Tendenzen im Zeichen eines grundsätzlich unpolitischen Wahnsinns, den Krieg als "strengen, aber folgerichtigen Erzieher" zu bezeichnen.

Mit seinem Ende der 50er-Jahre erstmals erschienenen Ritterroman Die Kinder der Finsternis nahm Niebelschütz allerdings anschließend nicht nur das gesamte Genre der Fantasy-Literatur vorweg. Dieser 600 Seiten starke Roman, jetzt wieder neu aufgelegt, ist nicht nur dazu in der Lage, das scheinbar Wirre und offenbar in seiner Zeit neben allen skandalösen Tendenzen, bestehende Verhältnisse erklärend zu glorifizieren und damit zu entpolitisieren: Lange bevor etwa ein Umberto Eco im Namen der Rose zum zweiten Mal ein derart eingängiges wie einleuchtendes Bild des Mittelalters mit den Mitteln der Fiktion zeichnete, gelang Niebelschütz damit endlich am Ende seines Lebens das Einlösen eines Versprechens. Dieses hatte er zuvor in Bezug auf Der Blaue Kammerherr gegeben: "Es ist sehr verdienstlich, in einer Zeit, die den Abgrund nicht sieht, den Abgrund zu zeigen. Im Augenblick, da alle Welt ihn sieht, heißt es Eulen nach Athen zu tragen, und es ist nicht Aufgabe der Kunst, Eulen zu tragen, sondern Athen zu sein."

Die Kinder der Finsternis, zehn Jahre nach dem Kammerherrn erschienen, spielt im 12. Jahrhundert in der französischen Provence. Und in diesem von Niebelschütz weit ausholend in einer noch heute unfassbaren, die damalige sperrige und sich jedwedem Liebreiz wie aller Anmut verweigernden Sprache, für die er damals gut tausend beinahe vergessene mittelhochdeutsche Wörter neu belebte, entsteht vor dem Auge des Lesers eine Landschaft, die vor allem durch eines gekennzeichnet war: eine Brutalität und sozusagen aus den Umständen notwendige Sachlichkeit, die sich den wesentlichsten heutigen Zivilisationserrungenschaften wie auch nur einer Mindestform von Menschlichkeit oder Zuwendung weitgehend verschließt.

Die heidnischen "Mohren" okkupieren Teile des von Niebelschütz zwar über andere Namen milde verschlüsselten Landes, das abgesehen von den breit ausgemalten Schlachtenszenen in seiner Gewalt um nichts weniger menschenfeindliche Christentum lehnt sich gegen die Heiden auf. Dazu kommen noch, vielleicht historisch nicht wirklich korrekt datiert, Hexenzauber, Pest, Ritterturniere, die dann durchaus präzise anmutende Schilderung mittelalterlichen Lebens und seiner Umstände, sowie Blutfehden, Höllenangst und jede Menge Sex & Drugs & Rock'n'Roll.

Ungefähr zeitgleich mit den Joseph-Romanen von Thomas Mann entstand um den Hauptprotagonisten, den Schäfer Barral, einem Bastard des Markgrafen von Ghissi, der nach allen Missgeschicken, Abenteuern und seinem Aufstieg zum Kriegsherrn gegen die Araber am Ende wieder mit sich selbst im Reinen die Tiere hüten wird, hier ein historisches Sittenbild einer längst vergangenen, aber in uns selbst heute noch nachwirkenden Zeit, die ebenso intensiv vor Ort in Südfrankreich recherchiert wie sprachlich nacherfunden wurde.

Charakterlich bleiben sämtliche Akteure grundsätzlich streng der Oberfläche verhaftet zweidimensional, möglicherweise auch aufgrund der Unmöglichkeit, sprachlich ungesichert nicht tiefer als in den vorhandenen bibliothekarischen Quellen schöpfen zu können. Wolf von Niebelschütz ist vor gut einem halben Jahrhundert mit diesem Roman dennoch etwas gelungen, was ihn vielleicht heute unlesbarer denn je erscheinen lässt. Wir tauchen hier nach bis zum Ende anstrengender, mühevoller und niemals leicht von der Hand gehender Lesearbeit in eine Welt ein, die nicht die unsere ist und werden soll wie kann. Wegen des Entwurfs eines zumindest annähernd vollständigen Paralleluniversums vor unserer Zeit wurde und wird Niebelschütz allerdings bis heute nicht nur von Zeitgenossen wie Herrmann Hesse geschätzt. Auch modernere Geister wie Eckhard Henscheid führen diesen Roman als wichtigen Fixpunkt im persönlichen Kanon. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.10.2004)

Von
Christian Schachinger
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    Wolf von Niebelschütz:
    Die Kinder der Finsternis
    € 14,90/564 Seiten. Gerd Haffmanns bei Zweitausendeins, zu beziehen unter: www.zweitausendeins.de, Frankfurt am Main, 2004.

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