Graham Greene: "Der dritte Mann"

3. Oktober 2004, 20:06
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Am 2. Oktober 1904 wurde Graham Greene geboren: Pünktlich zu seinem 100. Geburtstag erschien "Der dritte Mann" als 29. Band der Reihe

Der dritte Mann ist beides: Buch und Film. Das übliche Rivalitätsverhältnis zwischen literarischer Vorlage und Verfilmung greift hier nicht. Drehbuch wie Roman stammen von Graham Greene. Der nämlich schrieb den Roman eigentlich als seine Art, ein Filmtreatment zu entwerfen. Dennoch ist das, was nur Vorstufe sein sollte - hier sei das Wort erlaubt -, vollendet. Carol Reeds Film erzeugte seinen unverwechselbaren Charakter vor allem durch drei Momente: das Riesenrad, das wie ein Gerippe das Nachkriegs-Wien überragt; die scharfen Licht-Schatten-Kontraste; und jene unsterbliche Zithermusik von Anton Karas, die zwischen melancholischem Schmelz und dämonischer Abgründigkeit changiert.

Auch das Buch in seiner erzählerischen Ökonomie arbeitet nach diesem Prinzip: Seine "Botschaft", das moralische Drama, ist vorgezeichnet im Schauplatz der Handlung. Das Wien der unmittelbaren Nachkriegszeit unterliegt dem Viermächtestatus. Und wie die Besatzungsmächte miteinander verkehren, zeigt, dass die Kriegskoalition bröckelt und durch Europa bald ein Eiserner Vorhang gehen wird.

Die erste Szene des Buches führt den Leser zu einer Beerdigung auf den Wiener Zentralfriedhof. Es ist Winter, die Totengräber müssen mit einem Presslufthammer die Erde aufbrechen. Auch sonst herrscht ein erbarmungsloses Klima. In diese Welt kommt der Engländer Rollo Martins. Er schreibt unter dem Pseudonym Buck Dexter billige Wildwestromane und verliert angesichts schöner Frauen sehr schnell jede Willensstärke.

Der Fixpunkt in Martins' ansonsten etwas durchhängendem Leben ist seine Freundschaft zu Harry Lime. Um ihn zu besuchen, kommt er nach Wien. Der dritte Mann ist eine Detektivgeschichte. Er ist aber zugleich ein psychologisches Drama, in dem Rollo Martins zu akzeptieren lernen muss, dass sein Freund ein rücksichtsloser Verbrecher ist, der in einer Welt aus den Fugen für den eigenen Vorteil den Tod anderer in Kauf nimmt.

Was meint Freundschaft? Woran kann sich der Mensch halten? Und wie kann man sich vor Nihilismus bewahren? Die Gefährdungen und Verlorenheiten des Menschen noch einmal als großes moralisches Drama auszuleuchten, das ist Graham Greenes Meisterschaft. (DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.10.2004)

Von br>Ijoma Mangold
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    foto: süddeutsche bibliothek
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