... dass niemand deine Krone nehme

29. Oktober 2004, 16:00
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Hans Dichand und der Machtkampf um die "Krone": Auszüge aus Harald Fidlers neuem Buch über die Medienszene

Der Oktober wird spannend für das größte anzunehmende Kleinformat: In den kommenden Wochen soll ein Schiedsgericht nach Schweizer Recht im Machtkampf der "Krone"-Gesellschafter entscheiden. Hintergründe des Konflikts schildert STANDARD-Redakteur Harald Fidler in seinem neuen Buch "Im Vorhof der Schlacht – und die nächsten Medienbeben um die Krone", die Magazinbrüder Wolfgang und Helmuth Fellner und nicht zuletzt den ORF.

Dichand ist tot.
Der Dichand?
Jener Hans Dichand, von dem die "Frankfurter Allgemeine" schrieb: "Wenn jemand in Österreich wirklich Macht hat, ohne gemeinhin zu den für politisch mächtig Gehaltenen zu zählen, dann er"? Dabei hatte er doch so hartnäckig beteuert, nur "im Vorhof der Macht" sein Wesen zu treiben. Zu heftiges Vorhofflimmern?

Dichand ist also nicht mehr, der Hälfteeigentümer, Herausgeber und Hauptgeschäftsführer jener "Kronen Zeitung", die halb Österreich täglich liest. Hat seinen achtzigsten Geburtstag ja auch schon einige Zeit hinter sich gelassen.

Jener Hans Dichand, der nicht müde wurde zu versichern: "Mit Macht kann ich nichts anfangen, da streichle ich lieber unseren Hund daheim." So beharrlich erzählte er schon davon, dass Zaki, der von der griechischen Insel Zakynthos eingeschmuggelte Vierbeiner, längst einem Golden Retriever Platz machte. Mehreren gleich, denn im Hause Dichand gibt es viel zu streicheln.

Der gleiche, so machtscheue Hans Dichand lud höchste Politiker der Republik gleichsam vor, lange Zeit vorzugsweise in die Bar des Wiener Hotels Bristol oder auch in etwas verschwiegenere Räumlichkeiten dieses Hauses. Wenige entzogen sich dem Ruf des kleinen Mannes. Wenige schlugen seinen gewiss nur gut gemeinten Rat für ihr weiteres politisches Handeln in den Wind. "Berluskroni" nannte ihn das deutsche Handelsblatt.

Von Bundespräsidenten Thomas Klestil ließ er sich gerne zu Kaffee und Gugelhupf in die Hofburg einladen. Die Tradition setzt Heinz Fischer übrigens fort, wenn auch ohne die klassische Mehlspeisbegleitung. Wenige Tage vor seinem Amtsantritt zum Beispiel lädt er Hans Dichand morgens in seine Wohnung in Wien-Josefstadt, wie der Herausgeber einmal erfreut berichtete: "Das Frühstück hat er selber gemacht." Gugelhupf hat Fischer nicht im Repertoire.

"Er ist Gott, bei dem das Wort ist. Und dort bleibt es auch", schrieb Elfriede Jelinek über den "Dämon" Hans Dichand. Und dieser Gott ist tot. Früher Abend spät im Herbst, als sich die Nachricht von Dichands Tod in der Medien- wie in der Politszene verbreitet, hektisch, wie es sich gehört. Zeitungen, Magazine, ORF, APA recherchieren, ob etwas dran ist. Zum Beispiel bei den Herren des Wiener Rathauses, die dem Zeitungszaren traditionell aufs Engste verbunden sind. Ergebnis: eher Amüsement denn Verwunderung. Nein, davon wüsste man gewiss.

Am Donnerstag, dem 5. Dezember 2002, erscheint keine Zeile über den Tod des Zeitungszaren. Das ist gut. Dichand, der König des österreichischen Boulevards, wird noch lange leben.

Hat Dichand Angst vor dem Tod?

Hat Dichand Angst vor dem Tod? "Nicht die geringste", soll er später beteuert haben. "Ich habe ein Leben gehabt, das immer gut war, viel Glück natürlich." "Angst vor dem Tod habe ich überhaupt nicht", sagte der inzwischen 83-Jährige einmal: "Aber ich möchte das, was ich erreicht habe, sichern für die, mit denen ich als Familie zusammenhänge. Ich möchte es halten und weitergeben."

Schon deshalb konnte Dichand noch nicht sterben an diesem 4. Dezember 2002: Er musste um sein Lebenswerk kämpfen, um die Krone Kakaniens. Die WAZ, die er 1987 beteiligte, um seinen verfeindeten "Krone"-Kompagnon Kurt Falk aus dem eigenen Bett zu kriegen, will ihn nun als Hauptgeschäftsführer absetzen, Dichands Sohn Christoph nicht als Chefredakteur akzeptieren.

Einer aus dem Dichand-Clan fasst die bescheidenen Wünsche der WAZ so zusammen: "Es geht ihnen um ein Wort: Parität." Einer aus dem WAZ-Umfeld spricht von "gelebter Parität auch in der Redaktion". Davon will Dichand offensichtlich nichts wissen.

Schon länger zitiert der zumindest an dieser Stelle bibelfeste Hans mit Vorliebe einen Satz aus der Offenbarung des Johannes: "... halte fest, was du hast, dass niemand deine Krone nehme."

Weder Hans Dichand noch die WAZ trennen sich freiwillig auch nur von einem Promille an der Krone, das dem jeweils anderen die Mehrheit verschaffen würde. Es steht natürlich jedem frei, darüber zu spekulieren, beide Gesellschafter könnten zum Beispiel den Fellners oder anderen Profis einen kleinen Anteil abtreten, die dann ihre operative Führung der "Krone" mit dieser Minibeteiligung absichern. Die bisherigen Magazinbrüder müssten sich dafür freilich vom Prinzip verabschieden, stets eigene Blätter zu gründen. Wolfgang Fellner hat bisher glaubhaft alle Ambitionen auf die Krone bestritten (wie schon so vieles in seinem Leben). Die Krone-Eigner wiederum müssten dafür ein Stück ihrer Macht abgeben. Und ob Dichand seiner Zeitung einen Kulturschock wie das manisch-dynamische Duo der Fellner-Brüder zumutet, ist fraglich. Er hält sie, wie er jemand anvertraute, jedenfalls für "gefährlich gut".

Das Recht auf den Hauptgeschäftsführer des Kleinformats darf Dichand nicht vererben – die Familie und die WAZ können nach seinem Tod für ihre je fünfzig Prozent ebenbürtige Manager bestellen, die sich abstimmen müssen. Das gilt auch für die Chefredaktion des Kleinformats.

So weit ist es noch lange nicht, gibt Dichand 2003 zu verstehen: "Ich bleibe und arbeite, wenn es notwendig ist, bis ich tot umfalle."

Die Vorwürfe der WAZ gegen Hans Dichand und seinen Sohn Christoph füllen Seite um Seite in den Schriftsätzen an das Schiedsgericht. Schwere Geschütze fährt sie auf, obwohl sie damit im besten Fall eine Pattstellung in der Führung der Krone erreichen kann. Ein Indiz dafür, dass es hier nicht nur um das Kleinformat geht. "Keiner der beiden will vor dem anderen sein Gesicht verlieren", sagt ein Freund Dichands. "Sie wollen's wirklich wissen."

Ein langjähriger Kenner und Ratgeber der Beteiligten fasst den Konflikt so zusammen: "Wenn die zwei alten Deppen so weitertun, sehe ich schwarz" – nicht zuletzt mit Blick auf die Zeitungspläne der "Wundermänner" Wolfgang und Helmuth Fellner.

"Ein Schilling- und ein Euromilliardär haben die Hand an jenem Hahn, aus dem das Geld rinnt, und sie streiten darum, wer den Hahn abdreht", wundert sich der Mann: "Vergessen Sie also jede rationelle und rationale Überlegung", wohin dieser Konflikt führt: "Nicht der weltbeste Spitzenpsychiater wäre in der Lage, diese Frage zu beantworten. Das spielt sich auf einem nahezu kranken Sektor ab."

Tenor der österreichischen Verleger, die das Spektakel erste Reihe fußfrei verfolgen: "Der Streit endet biologisch." Ist Dichand tot, sind es auch die meisten seiner Vorrechte, die er sich 1987 sichern konnte.

(DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.10.2004)
  • Die "Krone" im Hinterhof der Macht: Die riesige Leuchtreklame vor ihrer Montage auf das "Krone"-Haus in der Wiener Muthgasse. Kaum war sie 1999 befestigt, begannen die Gesellschafter zu streiten.
    foto: standard/semotan

    Die "Krone" im Hinterhof der Macht: Die riesige Leuchtreklame vor ihrer Montage auf das "Krone"-Haus in der Wiener Muthgasse. Kaum war sie 1999 befestigt, begannen die Gesellschafter zu streiten.

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