Faktenbergwerk

29. Oktober 2004, 16:00
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Ein Wegweiser durch verschlungene austriakische Medienverflechtungen - Michael Frank über Harald Fidlers Buch "Im Vorhof der Schlacht"

Harald Fidler hat einen Band von geradezu enzyklopädischer Wucht vorgelegt: "Österreichs alte Monopole und neue Zeitungskriege" (Untertitel) ist ein gewichtiger Leitfaden durch die verhängnisvolle Dynamik in den medialen Besitzverhältnissen des Landes, die Geschäftsinteressen die dahinter stehen, die persönlichen Kämpfe und Gemeinheiten, die alles beschleunigt haben – sowie die politischen Strukturen, die alles mit Wohlgefallen zuließen, weil eine konzentrierte Medienwelt leichter kontrollierbar scheint als eine breit ausdifferenzierte. Am Ende ist es anders gelaufen: Die Monopolstruktur hat wohl eher die Politik am Gängelband geführt.

"Im Vorhof der Schlacht" heißt der Band, ein in Sprache wie Sinngebung missratener Titel, der aber nicht abschrecken sollte. Er spiegelt einen erstaunlich optimistischen Ansatz wider: Die Erwartung nämlich, dass sich aufgrund neuer Projekte, aufgrund veränderter Bedingungen für das immer noch monopolartige öffentlich-rechtliche Radio-TV-System sowie durch erbitterte Streitigkeiten innerhalb der zaristisch strukturierten Medienmonopole so etwas wie eine Normalisierung der Verhältnisse ergeben könnte.

Eine Art Schlacht von Armageddon

Fidler erwartet also eine Art Schlacht von Armageddon, die die Monopolstrukturen entscheidend schwächen könnte, obwohl oder weil mächtige deutsche Konzerne, die WAZ-Gruppe aus Essen sowie Gruner + Jahr aus Hamburg, gleichsam die Paten im österreichischen Monopol-Mix spielen.

Die Fellner-Brüder, früher News-Verlag-Eigner, basteln als Gründergestalten von berlusconischem Geschick an einer neuen Tageszeitung. Die könnte, so erwartet nicht nur Fidler, der "Krone" ins Revier kommen. Der mehr als 80-jährige charismatische "Krone"-Herausgeber Hans Dichand wiederum will sein Haus autoritär dynastisch bestellen, worüber er sich mit der WAZ-Gruppe überworfen hat. So liegen die Frontlinien.

Unverstellter Blick auf die ortsüblichen Ungeheuerlichkeiten

Fidler hat – ganz unösterreichisch – auf scharfe Polemik verzichtet, obwohl genug Anlass dazu wäre. Er dokumentiert, erklärt, erspart uns politische Postulate, fällt kaum Urteile, überlässt Rückschlüsse dem Leser, bietet so einen ziemlich unverstellten Blick auf die ortsüblichen Ungeheuerlichkeiten.

Wiewohl oft von fast wissenschaftlicher Ausführlichkeit leiden Kurzweil und Gewinn nicht unbedingt. Denn Fidler verzichtet nicht auf Anekdotisches. Und die Methodik austriakischen Handelns erscheint als grundsätzliches Lehrstück über den Einfluss der politischen Struktur auf die Entwicklung der Medienwelt und umgekehrt: Warnsignal also im Grillparzerschen Sinne, Österreich sei "die kleine Welt, in der die große ihre Probe hält".

So wird auch die Sitte beschrieben, mit viel Fördergeld vom Staate für alles periodisch Gedruckte so zu tun, als stütze man die Schwachen, um in Wahrheit den starken Reichen noch mehr zuzuschanzen, als sie ohnehin schon haben. Eine Praxis, die schon vor der heutigen Rechtsregierung auch früheren, sozialdemokratisch oder nach Proporz geführten Machtstrukturen allzu leicht von der Hand ging. (DER STANDARD, Album, Printausgabe, 2./3.10.2004)

Michael Frank ist Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Wien.
  • Harald Fidler, Im Vorhof der Schlacht.  22 Euro/376 Seiten. Falter Verlag, Wien 2004.
    foto: falter

    Harald Fidler, Im Vorhof der Schlacht. 22 Euro/376 Seiten. Falter Verlag, Wien 2004.

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