Willenlos gehst du darauf zu - und wirst verschluckt

7. Oktober 2004, 19:06
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Bunte Schlieren. Grünblaugelbe Schlieren, die einen spiralförmigen Strudel formen. Die bunten Schlieren sehen aus wie der Eingang zu einem völlig obskuren Time Tunnel. Sie ziehen dich an. Hypnotisieren dich. Willenlos gehst du darauf zu - und wirst verschluckt. Nein, liebe Leser, das ist keine neue Pokemon-Edition, auch kein neues Playstation-Abenteuer. Es ist das Logo einer harmlosen Musikschule in der Wiener Neustiftgasse.

Dahinter kann nur eine ALG-Attacke stecken. Jeder hat ja den Auftrag, an ALG zu kommen. ALG ist die Abkürzung von ANDERER LEUTE GELD. Geld ist bekanntlich eine nette Sache, bloß läuft es meist nicht herrenlos umher, sondern gehört irgendwem. Da muss man also ein Gutteil seines Lebens dafür hergeben, mit mehr oder weniger durchschaubaren Tricks und Methoden in anderer Leute Tasche zu greifen. Sobald man einen Weg gefunden hat, anderer Leute Geld in die eigene Tasche zu schaufeln, kommen wieder andere Leute daher und schauen, wie sie das aus dieser Tasche wieder loseisen, das schöne Geld. Ein bewährtes Mittel, an ALG zu kommen, ist ein Logo. Seit dem Bau des Stephansdoms ist ein Logo wie eine Autobahn, auf der das Geld anderer Leute mit Richtgeschwindigkeit in die Taschen des Logo-Besitzers fließen kann.

Zurück zu den bunten Schlieren. Die Logoisierung der Bevölkerung galoppiert. Kaum steht noch irgendwo nüchtern "Kieferorthopäde" oder "Anwalt für Urheberrecht" an den Hauseingängen, überall logoisiert es mit Farbcodes und Corporate-Design-Schnack. Haben diese Leute nicht Naomi Kleins NO LOGO gelesen? Das war jetzt rein rhetorisch, niemand hat NO LOGO gelesen. Jeder hat es gekauft, dieses Buch, weil der Titel ist ja gut gemeint. Schluss mit bunten Schlieren, zurück zu internen Qualitäten, weg mit Anmutungen, her mit Aufklärung und Substanz. Der ganze Nachhaltigkeits-Sulz. Völlig unlesbar.

Keiner will sich mit Aufklärung belasten. Mit der Aufklärung verhält es sich genauso wie mit gutem Sex: Alle schwatzen davon, aber sobald es greifbar nahe ist, müssen alle plötzlich nach Hause zum Fernsehen. Oder zum Kieferorthopäden, der heutzutage ohne die geringste hippokratische Heuchelei zugibt, dass er dein gutes Geld in seiner Tasche sehen will. Was hat nun die Musikschule in der Neustiftgasse vor? Vermutlich möchte sie die Kinderbeihilfe, die ja gewöhnlich mit Datenautobahn-Geschwindigkeit zu McDonalds abfließt, jetzt auf sich umrouten. Für Eltern wär's das Schlechteste nicht, denn das Imperium M wird zurückschlagen. Eins-zwei-drei werden sich im McDonalds Cello-Quartette und Schlagzeugsoli breit machen. Zum Happy Meal gibt's eine Panflöte und bei der Herbstpromotion ein Klavier. Ich weiß nicht, ob die Musikschule das nicht noch einmal bitter bereuen wird, mit den bunten Schlieren, denn sie wird im Gegenzug jetzt Pommes brutzeln müssen.
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/1/10/2004)

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